Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Der Chaluz
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DER CHALUZ 115 Sie hatte so viele Kranke zu betreuen, von denen jeder auf ein Wort der Aufheiterung von ihr hoffte. An dem Morgen, da Chaim Sonnenschein die Anstalt verlassen sollte, traf noch ein Brief aus Kiew ein. Schwester Doris legte ihn auf das Tablett, als sie ihm seinen Frühstückskakao brachte. Er riß den Umschlag auf, las die wenigen Zeilen, dann übersetzte er sie der Schwester: ,,Lieber Sohn! Gottes Segen mit dir. Wir bleiben. Ich fühle mich zu alt, um in fremdem Lande zu beginnen, und möchte auch nicht von deiner Mutter Grab. Und Taube hat sich mit dem jungen Lewison — erinnerst du dich noch an ihn? — verlobt. Sie will ihm im Geschäft helfen und eine gute, treue Frau sein. Es tut mir weh, dich nicht sehen zu können, mein Kind, aber wir leben unter beständigem Wechsel — vielleicht darfst du uns in einigen Jahren besuchen oder wir treffen uns dann irgendwie. Glück auf deinen Weg! Dein Vater." Schwester Doris wagte nicht, Chaim Sonnenschein anzusehen. Er wandte sich ab und zog sein KöfTerchen unter dem Bett hervor. Es wurde ein anstrengender Tag für Schwester Doris. Wäscheinventur, eine neue Hilfspflegerin mußte eingeschult werden, der Fall auf Nr. 17 hatte sich verschlimmert. Nachmittag fiel ihr ein, daß es für Chaim Zeit war, zur Bahn zu fahren. Sie ging in den Saal. In seinem ehemaligen Bett lag bereits ein anderer Kranker, den man inzwischen gebracht hatte. Alles war so fremd. Neben der Tür stand das gepackte KöfTerchen und sein Mantel war darauf geschnallt. Es sah so einsam aus, so herrenlos. Plötzlich durchzuckte es sie: Herrenlos! Das KöfTerchen hatte keinen Herrn mehr! Sie eilte zum Telephon und rief den Torwart an: „Haben Sie Herrn Sonnenschein etwa fortgehen gesehen?" ,,Nein, Schwester." Den Obergärtner: „Bitte, lassen Sie den Garten absuchen. Es ist Zeit für Herrn Sonnenschein." Noch ehe sie den Hörer hinhing, wußte sie, daß der Chaluz nicht im Garten war. „Schwester Frieda," bat sie die neue Schwester, „vertreten Sie mich eine Weile — ich komme bald." Sie ging in jedes Zimmer, betrat jeden Balkon, stieg in den Keller hinunter und auf den Boden. Die modern eingerichtete Anstalt hatte keine Schlupfwinkel. Im Vorbeigehen rüttelte sie an der Klinke des Badezimmers. Außer der Badezeit unverschlossen, gab sie diesmal nicht nach. „Philipp!" rief sie dem alten Hausdiener zu, „ein Stemmeisen!" Der Diener drückte mit aller Kraft — die Tür sprang auf. Im ersten Augenblick sah sie nichts als glitzernde weiße Kacheln und