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Menorah · 1927-02-01 · Heft 2 (Februar 1927) · p. Seite 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 2 (Februar 1927)
Article
Der Chaluz
Date
1927-02-01
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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114 MENORAH Eine Stimme, die von weither zu kommen schien, so weich und sonnüberglänzt klang sie, sagte: „Danke — ach danke vielmals — wollen Sie sich ein wenig zu mir setzen, Herr Sonnenschein?" Die gelb purpurnen Früchte lagen auf einem Schoß, der viel zu zerbrechlich für sie schien. Aber die Worte verhallten ins Leere. Die Tür war zu — Ghaim Sonnenschein verschwunden. Als Schwester Doris nach einer Weile wieder hinaustrat, stand der Chaluz im Korridor, drehte an einem Knopf seines braunen Wamses und sagte schnell und flüsternd: „Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie! Das ist nun Ihr gelobtes Land!" Den nächsten Tag fuhr er in die Stadt, um seine Paßangelegenheiten zu ordnen. Er hatte wohl viele Amtswege, denn als er wieder kam, sah er müde und traurig aus. Nach einigen Tagen fuhr er wieder hin, und als Schwester Doris ihm abends zufällig an der Eingangstür der Anstalt begegnete, war seine bronzefarbene Gesichtsfarbe graubleich: „Schwester Doris!" rief er. Seine Worte überstürzten sich, er wußte selbst nicht, ob er englisch oder jiddisch sprach — „man verweigert mir das Visum, die Sowjetregierung erteilt mir kein Visum! Ich kann nicht nach Hause!" „Telegraphieren Sie," riet Schwester Doris mit derselben Ruhe, mit der sie am Bette eines Hoffnungslosen stand, und vielleicht mit demselben Gefühl der Ohnmacht, „telegraphieren Sie, daß Sie in acht Tagen von hier ausgeschrieben werden, und daß Sie Vater und Schwester entweder hier oder in Brindisi erwarten." „Glauben Sie — glauben Sie, daß sie kommen?" Zum erstenmal war es, als zerbräche der Fanatismus des Chaluz an dem Fels der Wirklichkeit. „Glauben Sie, daß sie mich allein zurücklassen und dort bleiben in diesem Land? Zu ihnen darf ich nicht, warten kann ich nicht länger, und zurück mit dieser Qual..." „Sie sehen zu schwarz!" sagte Schwester Doris, „nicht jeden Tag gibt es Pogrome, und überall lauern Gefahren. Wenn Ihre Familie sich jetzt nicht entschließt, vielleicht nächstes Jahr. .." „Nein," unterbrach sie der Chaluz, „tun sie es jetzt nicht, kommt es nicht mehr dazu. Und ich..." „Chaim," Schwester Doris wurde sehr ernst, „Sie arbeiten für ein Ziel, das über den Kreis der Ihren hinausgeht, daran werden Sie denken, nicht wahr?" „Ich tat es, aber ich habe nicht mehr die Kraft. . ." Was hätte die Schwester erwidern sollen?

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