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Menorah · 1927-02-01 · Heft 2 (Februar 1927) · p. Seite 112

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 2 (Februar 1927)
Article
Der Chaluz
Date
1927-02-01
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 MENORAH „Andere Wünsche als freies Menschentum? Wofür hätte ich sonst gearbeitet, wenn sie nicht nachkämen? Und der Gedanke, sie bleiben hier unter steter Gefahr!" „Ich meine ja nur, Herr Chaim. Zunächst müssen Sie gesund werden und dürfen keine so schreckhaften Nächte haben. Vielleicht nehmen Sie doch das Brom, und ich begleite Sie hinauf?" „Waren Sie immer so ruhig, Schwester Doris?" Eine Klingel läutete ganz leise, gleichsam unterdrückt. Schwester Doris eilte ihrem Klang nach. Als sie wieder zurück kam, saß der Chaluz, das Gesicht in den Händen vergraben. „Hören Sie, Chaim, Sie müssen jetzt schlafen. Und ich habe Dienst." Als sie auf den Zehenspitzen den Korridor entlang gingen, deutete Schwester Doris auf eine Tür: „Hier wohnt meine Mutter." „War sie es, die geklingelt hat?" „Ja." „Ihretwegen machen Sie Tag- und Nachtdienst?" „Wenn's not tut. Glauben sie mir, Chaim, nicht allein der Gedanke an die Möglichkeit eines Pogroms ist das Schlimme. Gute Nacht." Die Zeit verstrich. Chaim Sonnenschein erholte sich sichtlich. Dann und wann bat er den Arzt um Erlaubnis, in die Stadt zu gehen und kam jedesmal mit allerlei buntem Mädchenkram zurück. „Für Taube", sagte er, Schwester Doris seine Herrlichkeiten zeigend. Zwischen ihm und ihr bestand eine gewisse Freundschaft, obwohl er allmählich Deutsch lernte, auch wenn ihm die gutturale Aussprache blieb. Er machte sich in der Anstalt nützlich, schob die Rollstühle der Gelähmten, half beim Bettenbeziehen, harkte Wege, und je emsiger er wurde, desto mehr schwand seine Schwermut. „Sobald man es mir erlaubt, verschaffe ich mir den Paß nach Kiew!" triumphierte er. Von seinem Vater kamen bedächtige Briefe. Er freute sich, den Sohn wiederzusehen, aber alle Pläne müßten erwogen werden. Von Taube lagen bunte Kärtchen bei, und ihre Kinderschrift setzte Grüße darunter. „Sie werden — ach Gott, sie müssen mit mir kommen," frohlockte der Chaluz, „wenn ich ihnen schildere, wie es bei uns ist... Glauben Sie, Schwester Doris, daß sie dann noch zögern werden?" Eines Tages gab es eine Überraschung. Ein großer Korb kam aus der Kolonie, den Chaims Freunde ihm gesandt hatten: schwere, glutrote Orangen von der letzten Ernte. Sie flammten und leuchteten in

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