Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Der Chaluz
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER CHALUZ 111 Vor den Erdbeerbeeten blieben sie stehen. Der Ghaluz erklärte: Das müsse ganz anders angelegt werden, auch die Rüben- und Spinatbeete. „Ich sehe schon, der Obergärtner bekommt einen Kenner", lachte die Schwester. Da plötzlich, mit einer weiten Gebärde, als breitete er einen Teppich vor ihr aus, fragte er: Warum gehen Sie nicht auch nach Jerusalem? Man braucht dort Pflegerinnen." Die weiße Haube wandte sich ab. „Es ist hier schön. Überdies kann ich gar nicht fort — meine Mutter ist hier in der Anstalt." Damit standen sie schon vor dem Gärtner. Schwester Doris nickte ihnen beiden zu und eilte zurück. Merkwürdig, dachte der Ghaluz, ihre Augen sind freundlich und dennoch haben sie etwas, das über einen hinweg schaut. Dann griff er nach einem Spaten und grub, grub wie daheim in der Kolonie. Ais er nach zwei Stunden in den großen Schlafsaal zurück kam, lag auf seinem Bett ein englisches Buch: Bucle: „History of Civilisation." Schwester Doris hatte es ihm hingelegt, und der einstige Gymnasiast aus Kiew, der Straßenarbeiter aus Jerusalem, vertiefte sich darin. Des Nachts kam der Schrecktraum. Er hörte seine Schwester Taube um Hilfe rufen, sah seinen alten Vater unter den Händen von Mördern. In Schweiß gebadet fuhr er auf. Im Saal war alles still, die andern Kranken schliefen. Er stahl sich hinaus und schlich die Treppen hinunter. Eine Tür war breit geöffnet, Licht flutete heraus. Der Wachraum der Nachtschwester. Eine weiße Haube beugte sich über Näharbeit. Als sie sich umwandte, erkannte er Schwester Doris. „Fehlt Ihnen etwas, Herr Chaim?" fragte sie. „Sie sind es, Schwester, schlafen Sie denn nie?" „Nicht viel. Ich mache gern Nachtdienst. Man kommt zu allerlei, wozu man tagsüber keine Zeit hat." „Ich träumte so schlimm — darf man auf den Balkon oder am liebsten, darf ich hier bei Ihnen bleiben?" Die Schwester zögerte: „Beides ist gegen die Regel. Wir geben statt dessen Brom. Aber ein paar Minuten, bis Sie ruhiger sind." „Der Mond ist so schön — fast wie bei uns im Süden. Schwester Doris, ich warte so sehr auf Nachricht. Mein Vater muß sich doch endlich entscheiden, ob er und meine Schwester mit mir gehen wollen — ich schreibe es ihnen in jedem Brief." „Für Ihren Vater ist es nicht mehr so leicht, verpflanzt zu werden, und Ihre Schwester — vielleicht hat sie ganz andere Wünsche?"