Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Das Städtchen
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS STÄDTCHEN 107 setzt er sich ins Beth-Hamidrasch. Und wenn ein Fuhrmann durchs Städtchen fährt, so hält er ganz selbstverständlich neben dem Beth- Hamidrasch und mischt sich unter die Einheimischen, Neuigkeiten zu erzählen und zu erfahren. Ist jemand gefährlich erkrankt, dann kann man dort folgender Szene beiwohnen: Die Mutter des Kranken, das Gesicht mit ihrem Kopftuch halb verdeckt, stürzt in den Raum, vorn hin, zur Lade. Sie öffnet, und vor den heiligen Schriftrollen mit ihren ärmlichen, herabhängenden Umhängen breitet sie die Arme aus. Alles schweigt und langsam bohrt sich in den Raum das spontane Ergießen des übervollen Mutterherzens: „Du, Du, Vater!---Kannst Du wollen, daß ein Zweig des lebendigen Baumes Israel absterben solle, kannst Du einem Loblied auf Dich, auf Deine Welt, einem so lebenden Loblied ein Ende setzen wollen? . . . Und kannst Du der Mutter ihr einziges Kind nehmen wollen? Und hast doch in Deiner Lehre verboten, die Vogelmutter ihrer Kleinen zu berauben. Nein, Vater, Du kannst nicht, wirst nicht. .. Wenn's aber doch beschlossen ist vor Deinem himmlischen Gericht . .. sieh, da bin ich, die Mutter, zu Dir gekommen, ich laß nicht, Vater, . . . Nimm mich an seiner Statt . . Da dreht sie sich um, blickt die Juden an in den Reihen, am Ofen, und die schauen mit ihren tiefen Augen. „Nun, warum tut ihr nichts? Ist euch eine jüdische Seele nichts wert? Warum helft ihr nicht? .. Da steht einer auf, stützt die hohe Stirn in die Hand und spricht vor: . . . Belehrung von David. Gebet als er in der Höhle war. . . . Vor ihm mein Sinnen ausgießen, meine Not verkünden . . . So helfen sie, und, in der Tat, es ist geholfen. Beruhigter, gefaßter verläßt die Mutter das Haus; durch die Gasse klingt 's ihr noch nach: „Rettest mich aus allen Engen . . Das Leid des einzelnen ist, kaum haben die anderen davon erfahren, gemeinsames geworden. Dies aber allein hat der Mutter das Herz befreit. Oft wenn ich mich in der Scheidestunde des Tages zu den Männern da gesellte, die in die Ferne träumen und mit ihnen sprach, dann schien es mir, als seien sie wie Märchenbücher, in denen eigentlich nicht von Gott gesprochen wird, aber doch alle Dinge in ihm stehen ... Eine merkwürdige Unmittelbarkeit im Verhältnis zu Gott, die in jedem anderen Mund lästerhaft klingen müßte, ist hier zu Hause. So in dem — sei es wahr oder nicht — hier berichteten Sprechen einer Frau, die am Sabbat ins Bethaus kommt: „Einen guten Abend Dir, Herr der Welt! Ich, Chane, bin schon da. Und von meinem Mann Aaron soll ich Dir sagen, daß er bald kommt, er zieht sich nur noch um . .