Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Das Städtchen
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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106 MENORAH heiligen Lade. Denn das alles zusammen und noch viel mehr heißt Beth-Hamidrasch. Die kleineren unter ihnen sind sozusagen Zunfteigentum. Es gibt ein besonderes Bethaus der Schlosser, Kutscher, Maler, Tischler. Ja, es gibt — wo findet man so etwas wohl noch wieder, — eine Wasserträgerklaus . . . Da das Beth-Hamidrasch nun etwas geworden ist, das zwischen Volkshaus und Gebetraum schwankt, erscheint es verständlich, daß alles Leben des einfachen Juden, das hier hineinspielt, etwas Religiöses so an sich trägt, wie der Gottesdienst eher einer Massenkundgebung gleicht. Denn so ein Gebet am Sabbat Vormittag ist ebensowenig eine Tempelandacht, wie die Gespräche der Handwerker einen Wirtshauscharakter tragen. Und dies eben, daß das eine mit dem anderen sich mischt, daß nie vier da zusammen sind, seien sie Kutscher, ohne daß echt Jüdisch-Religiöses den Unterton zu ihren Worten gäbe, daß aber wiederum kein Beten dort vorkommt, ohne daß das lebendige Draußen der Gasse und das traute Drinnen der Stube sich darein mengte, ungesehen, aber doch vorhanden, das ist's wohl, was beides, Leben im Volk und im Gottesbewußtsein, von einander so untrennbar gemacht hat. Das ist's wohl, was beides mit Leben so erfüllt. Dort scharen sich die Kinder in der Dämmerung um Szimcha, den Melamed und dessen tiefe Stimme, zeitweise in einen merkwürdigen Singsang umschlagend, erzählt ihnen Geschichten. — Geschichten von einem Prinz und einer Prinzessin, einem Raw und einer Rebbezin, einer Königin in einem goldenen Palast und zwölf Räubern in einem Wald, Geschichten vom Papst und Diskussionen mit den größten Rabbinern, von bösen Tieren, Geistern und Halbmenschen, eine Geschichte vom großen Prager Hängeleuchter. — Hier sitzt um den Tisch der Verein „Thillim". Juden mit langen weißen Barten, von dürftigem Kerzenlicht beschienen, sagen Psalmen. Ein Alter spricht vor, die übrigen wiederholen. — An einem anderen Tisch wird gemeinsam der agadische Teil des Talmud gelernt. Da wird in dem kleinen, baufälligen Beth-Hamidrasch im litauischen Dorf das Poesienreich des heiligen Landes wieder lebendig. Elia, der Prophet, der sich unter die Menschen mischt und Märtj-rer —, und Kaisererzählungen, oder „wenn Gott betet",--- das ganze Erhabene und Unmittelbare der Worte steht da in den Mienen des einfachen Juden. Des Beth-Hamidrasch-Juden. Und wenn Itze, der Richter, schlechte Geschäfte gemacht hat und sich vor seiner Frau fürchtet und nicht nach Haus gehen will--