Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Das Städtchen
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912869-2919061--04396-2919166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
108 MENORAH Einmal in sieben Jahren ist „großer Sijum". Das ist dann, wenn bei dem allabendlichen Lernen im Beth- Hamidrasch der ganze Talmud beendet worden ist. Dann wird sieben Tage gefeiert. Man versammelt sich in Festtagskleidern, der Raw des Ortes lernt die letzten Zeilen, fängt die ersten wieder an, eine Fiedel spielt, ein Chor singt, der Chasan betet mit Feiertagsmelodien und alles ist lustig; denn „wir haben den ganzen Talmud durchgelernt'4, diese stolze Freude liegt auf den Gesichtern der Kleinen; ja, selbst auf den Zügen der Frauen. — Die sind aber auch so unbeteiligt nicht am allgemeinen Freudentag; denn während der ganzen Zeit haben sie von ihrem Wirtschaftsgeld pfennigweise eine Summe erspart, für die sie jetzt eine große Talmudausgabe gekauft und der Stadt geschenkt haben. — Da ziehen dann die kleinsten Chederjungen, jeder einen großen Folianten in den Armen, begleitet von anderen, die Kerzen tragen und noch anderen, die singen, über den Markt ins Beth-Hamidrasch. Da wird dann das Geschenk der Frauen an die Männer feierlich übergeben. Wird aber gar eine neue Sefer-Thora geschrieben und zum erstenmal ins Bethaus gebracht, so geht der Raw, die heilige Rolle im Arm, unter dem Trauhimmel, eine Kapelle voraus, die ganze Bevölkerung hinterher und der Jubel füllt alle Gassen. — Einmal, so erzählt man sich, ist so ein Zug einer Prozession begegnet. Stellt euch vor, da drüben der eintönige Gesang des Priesters und die dummgläubigen Gesichter der Bauern, und hier fröhliches, liebendes Tragen der Rolle. Und, so erzählen die Alten am Ofen, da sind sie stehengeblieben und ließen uns verbeiziehen. Auch Verkehrshindernisse gibt es hier. — Solche, die jeden, mag er's noch so eilig haben, unbedingt aufhalten, zum Stehenbleiben zwingen. — So zum Beispiel am Abend einer mondklaren Nacht. Man geht über den Platz neben der Schule und sieht da kleine Gruppen, die einen umstehen, der in der Hand eine Kerze und ein Gebetbuch hält. Unterm schwachen Mondlicht stehen sie da und erzählen einander: „David, König von Israel, lebt noch!" Und wie eine Bestätigung klingt's aus allen Ecken des Hofes wieder. Mit einemmal wird man von einem angesprochen: „Scholem Alejchem!" Und man muß antworten: „Alejchem Scholem!" Die unheimlich großen Schatten dämpfen den Ton und die Kerzen flackern und die Stimmen mit ihnen. Kinder und Greise begrüßen einander mit so froh-herzlichem Scholem Alejchem! Und jeder Passant wird hineingezogen in eine Gruppe und muß stehenbleiben und antworten, bis zu Ende. ..