Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-02-01 · Heft 2 (Februar 1927) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 2 (Februar 1927)
Article
Auf dem Hügel
Date
1927-02-01
Page
Seite 99 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912869-2919052--04371-2919157
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AUF DEM HÜGEL 99 Ein langgezogener, scharfer Schrei durchschneidet die offene Türe. Die Schwiegertochter Blimetschke, Mendel-Herschs Weib, kommt lärmend hereingestürmt: „Hört Ihr, Schwiegervater, Ihr habt mit Gott keinen Vertrag geschlossen, Schwiegervater... Ihr werdet es noch dem Doktor weggeben ... Dem Doktor ... Ja ... Ja .. Sie hält beide Hände auf ihrem schwangeren Bauch und ihre blauen, dummen Lippen zittern vor Wut. Aus ihren Augen sprühen Feuerfunken, sie kreischt: „Hört Ihr, Schwiegervater ... Ihr werdet nicht so glatt damit abschneiden ..." Die Schwiegermutter will schreien, streiten. Ihre Nase schneidet zornige, ohnmächtige Grimassen. Sie verschluckt sich und keucht hervor: „Ihr sollt so leben können, gebe Gott, wie ich jetzt auf meinen kranken Füßen stehen kann... Was fallen sie einen an, diese Räuber, diese Mörder..." Die Stimmen schwirren vom Hügel hinab über die schwarzen Dächlein, die geduckt in der sonnigen Frühlingszeit schlummern dort drunten in Rosdine. Ein Jude, den Schaufädenlatz über die Hosen gezogen, tritt auf die Schwelle seines Kramladens unten am Wege und ruft seiner Frau in der Stube zu: „Auf dem Hügel geht's drunter und drüber ... Auf dem Hügel.. Breindel hatte sich schon mehreremal vom Klotz erhoben und schaute, zornig schnuppernd, hinauf. Sie hört, was dort vorgeht, droben in der Stube. Es wird gestritten ... Und sie erwägt, ob sie hinaufgehen soll, sich streiten. Da sie jedoch aus der Ferne Dudsies breite Schultern droben zwischen den Bäumchen sieht, packt sie den Semmeltrog und eilt hügelan. Dudsie, Mendel-Herschs ältester Sohn, ist ein Tunichtgut. Er besucht nicht mehr den Cheder, wTill dem Vater nicht helfen, etwas Holz zu zerkleinern oder einen Eimer Wasser zu bringen. Er lungert müßig und faul auf dem Markt herum, zwischen den Läden, barfuß, mit langen Armen, die aus den kurzen, zerrissenen Ärmeln hervor starren, und die Marktfrauen werfen ihm mißtrauische Blicke zu. Immerfort kneift er aus der Tasche ein Stück Schwarzbrot hervor, zwinkert mit seinen schmalen, verwachsenen, in den groben Backen eingebetteten Augenschlitzen, die wie mit einem Messer aufgeschnitten aussehen, und rauft mit den Bauernburschen. Er stand jetzt mit geducktem, festem Nacken wie ein Stier und schaute wutschnaubend auf den Großvater, bereit, den alten Mann zu erdrosseln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.