Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 93 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AUF DEM HÜGEL 93 „Geh... geh... mit dem Kopf in die Erde...", sagt sie still vor sich hin und meint damit den Bauern jungen. Sie nagt an der schwarzen, zersprungenen Haut ihrer plumpen Hände, krümmt ihren Rücken, zieht das gelbe, von der heißen Frühlingssonne durchwärmte Kopftuch tiefer ins Gesicht, und ihre gebleichten, kuhähnlichen Wimpern blinzeln nicht einmal in das frische Grün, das unerwartet und saftig emporwächst: in den Straßengräben, am Fuße des Hügels, auf den Bäumen am Wegrand, die die Spitzen der verhutzelten, jüdischen Häuschen verstellen, so daß nur ein Stück eines eingefallenen Rauchfangs herausragt. Durch die Bäume sieht man den Vater herannahen und schon steht er hart vor Breindels Augen. Schmiel-Jossje kehrt jetzt aus dem Dorfe zurück. Der Schaft eines Stiefels steht ein wenig ab, dort liegt noch unberührt und mit einer festen Schnur verbunden der dauerhafte, leinene Geldbeutel. Die Bauern sind jetzt alle auf den Feldern, es ist vor der Ernte, man kann nirgends einen Kreuzer verdienen. Im Vorbeigehen wirft Schmiel-Jossje mit halbgeschlossenem Auge einen scheelen Blick auf die Semmelmulde und sieht, daß sie voll ist Vater und Tochter blicken einander nicht an. Beide wenden sich ein wenig ab und schauen aneinander grimmig hinweg. Schmiel-Jossje erlebt keine Freude an seiner jüngsten Tochter Breindel. Sie hockt auf dem Klotz, auf der ausgehöhlten, harten, glänzenden Stelle, sitzt Sommer und Winter, jahrein, jahraus an dem Semmeltrog und kein Teufel will anbeißen... In dem grünen, eisenbeschlagenen Koffer harrt ihrer schon die Aussteuer — ein vergilbtes Stück Leinen, grobe Handtücher, gelbes blechhartes Nanking für Ziechen und blau karierter Perkai für ein Kleid. „Sie wird den Klotz heiraten, Breindel", spotten die Weiber unten in Rosdine. „Sie wird sitzen bleiben, bis sie einen grauen Zopf bekommt." Gebückt, den zerschlissenen und verschossenen Kaftan mit einem Strick umbunden, steigt Schmiel-Jossje den Hügel hinan, aus dessen spärlichen, grünen Bäumlein die buckeligen Häuschen seiner Familie weiß hervorschimmern. Sein angegrauter, spitzer Bart ist gesenkt und es sieht aus, als würde Schmiel-Jossje etwas auf dem Boden suchen. Er bückt sich mühsam, ächzt, hebt einen Span auf, der aus den trockenen, weißgedörrten Schollen ragt und nimmt ihn in die Stube mit. Drinnen knetet seine alte Frau den Teig in einem breiten Trog, sie tut das wie gewöhnlich mit einer Faust; immer auf und ab. Ihr Gesicht mit der mehlbestaubten Nase sieht müde, unausgeschlafen und