Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Zauber der Volkskunst
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 3)
- Language
- German
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60 MENORAH einbüßten. Kahle sagt in seiner Schrift „Die Masoreten des Ostens", daß mit der sich verbreitenden Anerkennung in jüdischen Kreisen einer bestimmten Rezension des Bibeltextes, die unzähligen Kommentare und Randglossen überflüssig wurden. Man begann diese ,,den Handschriften mehr zum Aufputz beizusetzen, als in dem Bestreben, den Text wirklich festzustellen". Diese Kommentare, die masoretischen Noten, sind es, die man dann begann in einer winzigen unleserlichen Schritt zu schreiben, und zwar so, daß aus den Zeilen ganze Muster gebildet wurden, erst geometrische Muster, Flcchtbänder, dann Ranken, später kamen auf spanischem und franko-deutschem Boden Tier¬ und Vogelformen hinzu. Die Tiere füllten auch die Körper der großen Zierbuchstaben. So entstand die jüdische Tierbuchstabenornamentik, sie ist für Europa, das in der christlichen Buchkunst Tierschrift bereits im frühen Mittelalter hervorgebracht hat, eine späte Erscheinung. Hier haben wir es mit einer Verspätung zu tun, die nicht als Provinzialismus aufgefaßt werden darf, sondern auf die Eigenart der jüdischen historischen Schicksale zurückgeführt werden muß. Die Juden tinden in größeren Massen erst im 13. und 14. Jahrhundert Anschluß an die westeuropäischen Völker, worauf sie die darstellungsfeindliche Haltung, die sie im Orient mit den Arabern teilen konnten, aufgeben. Die Tierdarstellungen treten anfangs nur unsicher und heimlich in jüdischen Büchern auf, in der Camouflage der masoretischen Noten. Allmählich werden sie aber doch zum unumgänglichen Bestandteil der jüdischen Kunst, überdauern die Renaissance, um sich dann im Barock besonders üppig zu entfalten. Die Tierornamentik dringt in die entlegensten Flecke der Ukraine und Litauens, und hier bildet sich im 17. und 18. Jahrhundert die reizvolle jüdische Volkskunst aus, die vielleicht stationär in ihrer Entwicklung bleibt — wir finden sie im 19. Jahrhundert kaum verändert vor — aber sie weiß mit den gegebenen Formen die mannigfaltigsten Wirkungen zu erzielen. Es sind das im Grunde genommen wenige Grundformen, wie zum Beispiel die offene Lade mit den darin aufgestellten Tafeln. Hier (Abb. 2) in dem sogenannten Taß oder Thoraschild, das der Sammlung jüdischer Kunst in Kiew gehört, ist der Schrein in seiner konstruktiven Form nicht mehr zu erkennen, er ist bereits ins Ornamentale übersetzt worden, die Tafeln, die übrigens beinahe zu einer Tafel zusammengeschmolzen sind, werden von üppigem Rankenwerk umwuchert, in welchem die Löwen und Vögel zu beiden Seiten zu versinken scheinen. Der konstruktive Gedanke läßt sich nur noch mit Mühe verfolgen, denn alles ist bloß Spiel, aber bei allem Spiel ist die