Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Zauber der Volkskunst
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912868-2918868--04284-2918987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER ZAUBER DER VOLKSKUNST 59 Karpathenländer im 18. Jahrhundert byzantinische, gotische, barocke und klassizistische Formen festgestellt werden. Deren gleichzeitiges Auftreten war durch territoriale Einflüsse des so wesensverschiedenen europäischen Ostens und Westens zu erklären. Wenn wir uns auf den Gedankengängen aufgehalten haben, die Zaloziecky in seiner Arbeit über gotische und barocke Holzkirchen in den KarpathenJändern entwickelt, so ist es wegen der Verwandtschaft der Gegenstände, die ihn und uns beschäftigen. Die jüdische Volkskunst ist ein Produkt der kleinen Städtchen und Ortschaften in der Ukraine, in Litauen, in Weißrußland, in Polen, desjenigen Grenzgebietes, welches stets ost- und westeuropäische Einflüsse aufgenommen, das durch Kreuzungen und Mischungen entstandene Formen hervorgebracht hat, gleichgültig, ob die Träger dieser Verbindungen Ukrainer, Huzulen, Polen oder Juden waren. Die Momente, die in der Volkskunst der Karpathen wirksam waren, machten sich auch in der jüdischen Volkskunst geltend, das retardierende und das verwischende Moment nämlLh, und so wird die jüdische Volkskunst in ähnlicher Weise wenig Gefühl für Aktualität und keine ernst zu nehmenden konstruktiven Absichten aufweisen. Die jüdische Kunst war in der Diaspora bis zum 18. Jahrhundert immer wohl hauptsächlich angewandte Kunst, wenn nicht immer Volkskunst, denn die Buchmalerei, die bei den Juden im Mittelaller ein hoch gepflegter Kunstzweig war, dem sich kundige Schreiber und Illuminierer in den Zentren der 1Jandschriflenproduklion widmeten, kann wohl kaum als Volkskunst gelten. Der hier reproduzierte1 Ausschnitt eines Bialtes (Abb. l) ist der bekannten Bibel der Reuchlin-Bibliolhek. die sich jetzt in Karlsruhe befindet, entnommen. Ein bedeutungsvoller Augenblick, der Wendepunkt der jüdischen Handschriftenmalerei ist hier auf diesem Blatte festgehalten. Die Juden kannten noch im 10. und 11. Jahrhundert, soweit dies aus den erhaltenen Handschriften zu ersehen ist, keine Tierdarstellungen in Büchern. Es mußte eine geraume Zeit vergehen, die Lebensumstände4 und Anschauungen mußten sich wesentlich ändern, damit wir in dieser Handschrift des 13. Jahrhunderls Tierbuchstaben bereits vorfinden können. Es ist überhaupt interessant, zu beobachten, wie das Ornament auf die Seiten eines hebräischen Kodex eindringt, denn solange die Schrift für Zierat unempfänglich bleibt, kann von komplizierten Tierformen schon gar nicht die Rede sein. Die orientalische Gepflogenheil, Schriftzeilen ornamental zu verwerten, scheint im jüdischen Buche sich erst so recht eingebürgert zu haben, als Partien des Textes ihre inhaltliche Bedeutung