Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Der Anteil der Juden an der Musikentwicklung in Rußland
Date
1927-01-01
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912868-2918865--04276-2918984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

56 MENORAH zuerst auf den Weg des Nachschauenden gedrängt wurde. Das ist im Fall Liszt ebenso erkennbar, wie bei Mahler und Rubinstein und selbst bei Paganini. Wahrscheinlich erzeugt sogar das unstillbare Verlangen, m e h r a u s d e r R e p r o d u k t i o n hervorzuholen, als in i h r steckt, erst jenes dämonische Fluidum, jenen Charakter ewiger Ruhelosigkeit, der allen ganz großen Virtuosenleistungen eignet. Zu diesem einen gesellt sich als zweites erregende Moment bei Rubinstein die Tatsache, daß eine musikalische Natur, die gleichsam bis zum Platzen mit jüdischen Empfindungselementen durchtränkt war, dieses Judentum in sich nicht erkannte und nicht erkennen wollte. Freilich hat Rubinstein erfreulicherweise — wie jeder wahre Künstler — auch diesen inneren Widerspruch zu schöpferischen Werten umgeformt. Die reproduktive Schöpferkraft Rubinsteins ist von dem späteren russischen Judentum zwar nicht mehr ganz erreicht worden, aber doch nicht singulär geblieben. Daß das Melropolitan-Orchcster in New York, der großartigste Instrumentalkörper der Welt, gut zur Hälfte aus russischen Juden besieht, ist wohl ebensowenig Zufall, wie die große Liste gefeierter Einzelnamen: Kuper und Kussewitzky als Dirigenten, Elmau und Hai fetz als Virtuosen, um nur einige glänzendste zu nennen, während Paul A ehr o n frühzeitig den Weg vom Interpreten zum Schaffenden findet. ill man aus der Fülle konkreter produktiver Erscheinungen einige repräsentative herausgreifen, so wäre unter denen, die, zwar Juden, dennoch nicht speziell „jüdische" Musik machen, neben (dem Schwiegersohn Rimsky-Korsakoffs) Maximilian Steinberg, dessen Ballelte eine Reihe von Bühnen erobern konnten, vor allem Samuel Feinberg zu nennen. Feinberg, im zeitgenössischen Musikschaffen Rußlands immer bedeutsamer hervortretend, ist — darin an Chopin gemahnend — fast ausschließlich Klavierkomponist. Dennoch wäre nichts unrichtiger, als in ihm einen Passagenreiter, einen Akkordprestidigitateur zu vermuten. Vielmehr gelingt ihm das Wunder, einen äußerst klaviergemäßen, dabei doch reich polyphonen, in allen Stimmen motivisch gearbeiteten Satz zu schreiben, der so gewisse Wirkungen des Klavierstückes und der Kammermusik vereinigt. Materialmäßig ist deutlich eine von Brahms, mit dem er auch die schwere Herbheit der Empfindung gemein hat, ausgehende Gestaltung erkennbar, die, bald selbständig geworden und Eigenzielen zugewendet, nunmehr von ausgesprochen modern-musikalischen Stilelementen durchsetzt ist. Feinbergs ganz großer Tag wird gekommen sein, wenn es einmal seiner,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.