Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Anteil der Juden an der Musikentwicklung in Rußland
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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54 MENORAH sonderen Charakter dieses Heftes abermals zur Debatte gestellt, ergibt sich der willkommene Anlaß, Mißverständnisse zu korrigieren. Es hat sich nach jenem ersten Bericht, wie der Verfasser bemerken mußte, mancherorts die Vorstellung entwickelt, diese Musik sei eine Art russische Neuauflage der bei uns vielfach leider so beliebten Salonarrangements jüdischer Volkslieder. Nichts verfehlter als das. Diese jungen jüdischen Musiker aus Rußland wollen Erfolge um keinen Preis ihren Sujets, ihrer Gesinnung verdanken. Ihnen ist das Jüdische nicht Qualitäts-, sondern Wesensmerkmal. Den Wert ihrer Schöpfungen möchten sie dort gefunden wissen, wo er bei Kunstschöpfungen einzig zu finden ist: im Künstlerischen. Was sie anstreben, ist, primitiv, gleichsam handgreiflich ausgedrückt: gute Symphonien, Orchesterstücke, Quartette, Lieder, Bühnenwerke hervorzubringen, die vor einem internationalem Forum bestehen können. Aber gerade darin, daß hier das Jüdische sozusagen Privatsache ist, liegt — wenn dies auch zuerst wie ein Widerspruch anmuten mag — der Zukunft swcrt für die Judenschaft. Ein hochinteressantes Symptom: die „jüdische''Komponistengruppe rangiert in Bußland künstlerisch als extreme Linke. Die regelmäßig stattfindenden Konzerte des „Komites zur Förderung jüdischer Musik in Moskau" sind der Sammelpunkt von ebenso jüdischen, wie nichtjüdischen Musikern und Musikfreunden, die vielfach nichts anderes als moderne Musik hören wollen. Wer neue, interessante Musik kennenlernen will, muß in diese Konzerte gehen, weil er sie eben dort kennenlernen kann. Das Jüdische wird i h m d a n n gleichzeitig g oboten, ob er will oder nicht. Und die Sowjetregierung, die der jüdisch-nationalen Idee, politisch genommen, wie jedem Nationalismus, feindlich gegenübersteht, unterstützt und fördert doch die künstlerisch-kulturellen Ergebnisse dieses nationalen Erwachens, weil sie alles künstlerisch Neue und Starke als revolutionären Gewinn ansieht, dem sie Entfaltungsmöglichkeit verschaffen möchte. So wächst und reift heule in Bußland eine jüdische Musikblüte. 1 licht von Anfang an waren die jüdischen Musiker Bußlands so bewußt gerichtet. Unbewußt allerdings brach jüdisches Musikempfinden schon vorher zuweilen durch. Am Beginn des Eintritts der russischen Juden in das Musikleben steht eine koloßartig-dämonische, heute schon fast legendäre Gestalt: Anton Bub in st ein. Als Komponist zwar ist seine Wirkung heute etwas verblaßt, obwohl gerade in jüng-