Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Die Geschichte meines Taubenschlags
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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36 MENORAH und Seelenkraft, nach allen Seiten. Die ganze Straße war vom Geklirr und dem Singen gesplitterten Holzes erfüllt. Der Bauer schlug nur drein, um schwitzen und schreien zu können, ungewöhnliche Fluchworte in einer mir unbekannten, nicht russischen Sprache. Er schrie und sang diese Worte, riß aus ihnen seine hellblauen Augen empor, bis auf der Straße eine Kirchenprozession erschien, die vom Rathaus herkam. Alte Leute mit gefärbten Barten trugen in den Händen das Porträt des gut frisierten Zaren, Kirchenfahnen flatterten über der ganzen Prozession, um die begeisterten Alten. Der Bauer sah die Prozession, preßte den Hammer an die Brust und lief ebenfalls hinter den Fahnen her. Ich, nachdem ich gewartet hatte, bis die Prozession vorbei war, drückte mich nach Hause. Es war leer, unser Haus. Seine weißen Türen standen offen, das Gras um den Taubenschlag war zertreten. Nur Kusma allein hatte den Hof nicht verlassen. Der Hausbesorger Kusma saß im Schuppen bei der Leiche Schojls und zog dem Toten die Leichengewänder an. „Der Wind treibt dich wie einen schlechten Span/' sagte der Alte, als er mich erblickte, „warst ein ganzes Jahrhundert lang fort... Da, sieh, wie das Volk unseren Großvater zugerichtet hat. . Kusma schnaubte, drehte sich um und zog aus einem Riß im Gewände des Großvaters einen Zander. Es waren ihrer aber zwei: der eine war in dem Gewandriß, der andere steckte in Schojls Mund und, obwohl der Großvater tot war, lebte dieser Zander noch und zitterte. - „Nur unseren Großvater hat man erschlagen, sonst niemand mehr", sagte Kusma, während er die beiden Fische der Katze zuwarf, „und wie hat er es verstanden, den Leuten die Wahrheit zu sagen, so ein lieber... Du könntest kupferne Fünfkopekenstücke bringen, um ihm die Augen zu bedecken ..." Aber damals, im Alter von zehn Jahren, wußte ich noch nicht, wozu die Toten kupferne Fünfkopekenstücke brauchen. „Kusma", sagte ich flüsternd, „rette uns .. ." Und ich näherte mich dem Hausbesorger, umarmte seinen alten, krummen Rücken mit den hohen Schultern und sah hinter diesem lieben Rücken das Antlitz des Großvaters. Schojl lag da in den Sägespänen, mit eingedrückter Brust, nach vorne hängendem Bart, in groben Schuhen, die über bloße Füße gezogen waren. Seine auseinandergespreizten Beine waren schmutzigviolett, tot. Kusma beschäftigte sich eine Weile mit ihnen, dann band er den Kiefer des Toten fest und versuchte immer wieder, was er mit dem Verstorbenen noch tun könnte. Er rumorte herum, als wäre in das Haus ein neuer Einrichtungsgegen-