Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Die Geschichte meines Taubenschlags
Date
1927-01-01
Page
Seite 35 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912868-2918855--04240-2918963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE GESCHICHTE MEINES TAUBENSCHLAGS 35 Turmanentauben und zog die kirschfarbene Taube ans Licht. Mit den Füßen nach oben, lag der Vogel auf seiner offenen Handfläche. „Tauben!" sagte Makarenko und fuhr, mit den Rädern knirschend, näher an mich heran, — „Tauben!" wiederholte er wie ein unaufhaltsames Echo und schlug mich auf die Wange. Mit dem Handrücken schlug er nach mir, weit ausholend, die Taube aber wurde an meiner Schläfe zerquetscht, Katjuschka drehte sich vor meinen Augen, und ich fiel in meinem neuen Gymnasiastenmantel zu Boden. ,,Ihren Samen müßte man vernichten", sagte dann Katjuschka und beugte sich über die Häubchen. Ich lag am Boden, und die Gedärme des zerquetschten Vogels rannen mir über die Schläfen. Sie rannen über die Wange, bespritzten mich über und über und blendeten mich. Die zarten Gedärme der Taube krochen über meine Stirne, und ich schloß das zweite, nicht verklebte Auge, um die Welt vor mir nicht mehr zu sehen. Diese Welt war klein und schrecklich. Ein kleiner Stein lag vor meinen Augen, ein Stein, der mit Falten bedeckt war, wie das Gesicht eines alten Weibes mit großen, weit geöffneten Kiefern. Ein Stückchen Strick lag nicht weit davon und ein Stäubchen Federn, die noch rauchten. Meine Welt war klein und schrecklich. Ich schloß die Augen, um sie nicht zu sehen, und preßte mich an die Erde, die in tröstender Stummheit unter mir lag. Diese zertretene Erde war unserem Leben in nichts ähnlich, diesem Leben, das voll Erwartung neuer Prüfungen ist. Irgendwo, weit von hier, fuhr das Unglück auf einem munteren Pferd über sie hin, aber der Lärm der Hufe wurde schwächer, verstummte völlig, und die Stille, die bittere Stille, die Kinder im Unglück manchmal betäubt, zerstörte die Grenzen zwischen meinem bebenden Körper und der unbeweglichen Erde. Meine Erde roch nach feuchten Eingeweiden, nach Grab und Blumen. Ich spürte diesen Geruch und weinte ohne jede Furcht. Ich ging über eine fremde Straße, die mit weißen Schachteln gepflastert war, ich ging im Schmuck der blutigen Federn allein inmitten des Gehsteiges, der, wie an Sonntagen, rein und gefegt war, und ich weinte bitterlich, tief und glücklich, wie später nie mehr im Leben. Die weiß gewordene Drahtleitung summte über meinem Kopf, ein geschäftiger Straßenhund lief vor mir her, und in einer Seitengasse zerschlug ein junger Bauer den Fensterrahmen im Hause des Chariton Efrussi. Er schlug mit einem Holzhammer drauf los, mit dem ganzen Körper weit ausholend, und während er tief atmete, lächelte er mit dem guten Lächeln der Betrunkenheit, mit einem Lächeln voll Schweiß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.