Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Die Geschichte meines Taubenschlags
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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34 MENORAH „Was hast du?" fragte der Beinlose und machte mit seinem ganzen Körper eine Bewegung, weg von der Frau, da ihm die Antwort schon von vornherein unerträglich dünkte. „Gamaschen, vierzehn Stück", sagte Katjuschka, ohne sich aufzurichten, „Deckenüberzüge fünf, jetzt zähle ich noch die Häubchen nach.. ." „Die Häubchen!" schrie Makarenko, dem der Atem auszugehen schien, so erregt war er. Es schien, als würde er heulen wollen. „Man sieht, Katherina, daß Gott mich auserwählt hat, mich für alle zu ver antworten... Die Leute tragen ganze Stücke Leinwand fort, so wie sich's gehört, alles haben sie, und wir, wir mit unseren Häubchen ..." In der Tat lief eben über die Straße eine Frau mit glühendem, wundervollem Gesicht. Sie hielt auf den Armen eine Handvoll Fez' und ein Stück Tuch. Mit glücklicher, entsetzter Stimme rief sie ihre Kinder zu sich. Das seidene Kleid und die hellblaue Bluse flogen hinter ihrem fliehenden Körper einher, und sie hörte nicht auf Makarenko, der auf seinem Sessel hinter ihr herrollte. Der Beinlose konnte sie nicht einholen, die Räder donnerten, er arbeitete mit aller Kraft an den Hebeln, doch kam er ihr nicht nach. „Madamchen," schrie er ohrenbetäubend, „um Himmels willen, wo haben Sie diesen billigen Waschstoff genommen?" Aber die Frau mit dem fliegenden Kleid war schon verschwunden. Hinter der Straßenecke sprang ihr ein in allen Fugen krachender Bauernwagen entgegen. Der Bauernbursche stand aufrecht im Wagen. „Wohin laufen denn die Leute?" fragte der Bursche und zog an den roten Zügeln, daß die Schindergäule zu tanzen begannen. „Alle Leute sind auf die Sobornaja gelaufen, Menschenskind!" rief ihm Makarenko flehentlich zu, „fahr' hin und, was du nur erwischen kannst, schleppe alles herbei, ich kaufe es. .." Als der Bursche das Wort ,Sobornaja* gehört hatte, verlor er keine Zeit mehr. Er beugte sich über den Kutschbock und schlug auf die scheckigen Gäule ein. Die Pferde sprangen wie Kälber und sausten in weiten Sprüngen davon. Die Gasse wurde wieder gelb und menschenleer. Da ließ der Beinlose seine erlöschenden Augen auf mir ruhen. „Hat denn Gott gerade mich so heimgesucht," sagte er mit fast lebloser Stimme, „bin denn ich euer Erlöser?" Und Makarenko streckte seine lepröse Hand nach mir aus. „Was hast du in dem Sack?" fragte er und nahm mir den Sack weg, der mein Herz erwärmte. Mit seiner wulstigen Hand fuhr der Krüppel zwischen meine