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Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Die Geschichte meines Taubenschlags
Date
1927-01-01
Page
Seite 32 (sequence 9)
Language
German
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32 MENORAH Leisten und ein besonderes Gitter, das ich selbst erfunden hatte, um fremde Tiere leichter anzulocken. Alles war bereit. Am Sonntag, den 20. Oktober, bereitete ich mich vor, in die Oehotnitzkajastraße zu gehen, um die Sache in Angriff zu nehmen, als ein unerwartetes Unglück mir den Weg versperrte. Die Geschichte, die ich hier erzähle, die meines Eintrittes in die erste Klasse des Gymnasiums, spielte sich im Herbst des Jahres 1905 ab. Zar Nikolaus gab damals dem russischen Volk eine Konstitution. Redner in schleißigen Mänteln kletterten auf die Prellsteine vor dem Rathaus und hielten Reden an das Volk. In den nächtlichen Straßen hörte man Schüsse fallen, und die Mutter wollte mir nicht gestatten, in die Ochotnitzkaja zu gehen. Am Tage des 20. Oktober ließen die Knaben aus der Nachbarschaft schon vom frühen Morgen an dicht vor dem Polizeigebäude Drachen steigen, und unser Wasserführer feierte, ließ die Arbeit stehen und ging mit pomadisiertem Kopf und rotem Gesicht durch die Straßen. Dann sahen wir, wie die Söhne des Bäckers Kalistow lederne Sprungböcke auf die Straße hinauszogen und dort inmitten des Fahrweges zu turnen begannen. Niemand störte sie, selbst der Polizeimann nicht, er ermunterte sie sogar, ihre Kräfte mehr anzuspannen, um höher zu springen. Der Polizeimann, namens Semernikow, hatte um die Hüften ein seidenes, hausgewebtes Gürtelchen gebunden, und an diesem Tag waren seine Schuhe derart glänzend gewichst wie noch nie. Der Polizist war also durchaus nicht nach der Vorschrift angezogen, worüber am heftigsten meine Mutter erschrak, und seinetwegen wollte sie mich nicht fortlassen. Ich aber schlich durch die hintere Tür auf die Straße und lief in die Ochotnitzkaja, die weit hinter dem Bahnhof gelegen war. Dort saß auf seinem gewöhnlichen Platz Iwan Nikodemitsch, der Taubenhändler. Außer Tauben hatte er noch Kaninchen und einen Pfau zum Verkauf. Der Pfau saß auf einer kleinen, dünnen Stange und drehte seinen zierlichen Kopf nach allen Seiten. Er schlug Räder. Seine Füße waren mit einem Strick aneinander gefesselt, das andere Ende des Strickes aber war unter dem geflochtenen Sessel Iwan Nikodemitsch' eingeklemmt. Gleich, nachdem ich hingekommen war, kaufte ich bei dem Alten ein Paar kirschfarbener Tauben mit buschigen Schwänzen und Schöpfen und verwahrte sie in einem Sack auf der Brust. Nach diesem Kauf blieben mir nur mehr vierzig Kopeken, für die mir aber der Alte einen Täuberich und eine Taube von der Krjukower Rasse nicht mehr geben wollte. An den Krjukower Tauben liebte ich besonders die kurzen, kernigen und lieblichen Schnäbel.

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