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Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Die Geschichte meines Taubenschlags
Date
1927-01-01
Page
Seite 31 (sequence 8)
Language
German
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DIE GESCHICHTE MEINES TAUBENSCHLAGS 31 mann. Er trank ein wenig mehr bessarabischen Weines, als ihm gut getan hätte. Die traditionellen seidenen Schnüre baumelten unter seiner roten Weste hervor, und bei Tisch hielt er zu meinen Ehren einen Toast in altjüdischer Sprache. Mit diesem Toast beglückwünschte der Alte meine Eltern und sagte, ich hätte auf der Prüfung alle meine Feinde besiegt, sowohl die russischen Knaben mit den vollen Wangen, wie auch die Söhne unserer derben Reichen. So habe auch in alten Zeiten David, der König der Juden, Goliath besiegt, und ebenso wie ich über Goliath triumphiert hatte, werde dereinst unser unbeugsames Volk mit der Kraft seines Verstandes die Feinde besiegen, die uns umringt hatten und nur darauf warteten, unser Blut zu vergießen. Monsieur Liebermann weinte, während er dies sagte; weinend trank er noch einmal und schrie: „Vivat!" Die Gäste umringten ihn und begannen mit ihm eine Quadrille zu tanzen wie auf einer jüdischen Hochzeit. Alle waren lustig auf diesem Ball und sogar die Mutter trank, bis sie ein Räuschchen bekam, obwohl sie Branntwein nicht leiden mochte und nicht verstand, wie man ihn lieben konnte. Deshalb hielt sie auch die Russen für irrsinnig und verstand nicht, wie Frauen mit russischen Männern leben konnten. Aber die eigentlichen glücklichen Tage begannen für uns erst später. Sie begannen für die Mutter, als sie sich daran gewöhnte, mir zur Vervollständigung des Glückes vor meinem Gang zum Gymnasium täglich belegte Brötchen vorzubereiten, als sie mir meine billige Schulausrüstung kaufte: ein Pennal, einen Lederranzen, neue, gebundene Schulbücher und Hefte mit glänzenden Schildern. Niemand in der Welt hat für neue Sachen ein stärkeres Gefühl als Kinder. Die Kinder erbeben angesichts ihres Geruches, wie der Hund vor der Hasenspur, und sind von einem irrsinnigen Gefühl besessen, das man später, wenn sie erwachsen sind, Begeisterung zu nennen pflegt. Und dieses rein kindliche Gefühl des Besitzes von Dingen, die nach der zarten Feuchtigkeit und Kühle neuer Sachen riechen, ging auch auf die Mutter über. Einen Monat lang gewöhnten wir uns an das Pennal und an die unvergeßliche Morgendämmerung, wo ich am Ende des großen, beleuchteten Tisches Tee trank und die Bücher in den Ranzen legte. Einen Monat lang gewöhnten wir uns an unser glückliches Leben, und erst nach dem ersten Vierteljahr erinnerte ich mich der Tauben. Ich hatte für sie schon alles vorbereitet — einen Rubel fünfzig Kopeken und den Taubenschlag, den Großvater Schojl aus Kisten gezimmert hatte. Der Taubenschlag war mit brauner Farbe gestrichen. Er hatte Nester für zwölf Taubenpaare, auf dem Dach geschnitzte

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