Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Die Geschichte meines Taubenschlags
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 7)
- Language
- German
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30 MENORAH als andere Leute auf dieser Erde. Sie erhoffte für uns kein Glück, wollte auch nicht gestatten, daß man mir eine Monturbluse kaufte, wie sie Gymnasiasten trugen und willigte nur ein, mich für ein großes Porträt photographieren zu lassen. Und dennoch wurde eine Gymnasiastenmütze gekauft. Am 20. September 1905 wurde das Anschlagbrett vor das Gymnasium gehängt, wo auf der Liste der in die erste Klasse Aufgenommenen auch mein Name stand. Alle unsere Verwandten eilten herbei, um dieses Papierchen anzuschauen, und sogar Schojl, mein Großvater väterlicherseits, kam zum Gymnasium. Ich liebte diesen prahlerischen Alten, weil er auf dem Markte mit Fischen handelte. Seine dicken Hände waren immer feucht, mit Fischschuppen bedeckt und rochen nach wunderschönen, kalten Welten. Dadurch unterschied sich Schojl von gewöhnlichen Menschen, und außerdem noch durch die lügenhaften Geschichten, die er über den polnischen Aufstand vom Jahre 1861 erzählte. Früher einmal war Schojl Schankwirt in Skwir gewesen und hatte gesehen, wie die Soldaten Nikolaus' des Ersten den Grafen Godlewski und eine Reihe anderer polnischer Insurgenten erschössen. Vielleicht hat er es gar nicht gesehen. Ich weiß jetzt, daß Schojl nur ein alter Aufschneider war, ein naiver Lügner, aber seine kleinen Prahlereien, die alle in einem gewissen Sinn stilvoll waren, habe ich nie vergessen, denn sie waren sehr schön. Und so war sogar der einfältige Schojl zum Gymnasium gekommen, um die Liste mit meinem Namen zu lesen. Ohne besorgt sein zu müssen, er könnte jemand liebenswert erscheinen, tanzte und stampfte er dann abends auf unserem Armeleuteball herum. Der Vater hatte aus Freude einen Ball veranstaltet, zu welchem er seine Kollegen eingeladen hatte, Samenhändler, Grundstückmakler und Reisende, die in unserer Gegend landwirtschaftliche Maschinen verkauften. Diese Reisenden verkauften Maschinen an wen immer. Die Bauern und Gutsbesitzer fürchteten sich vor ihnen, denn man konnte sie nicht los werden, ohne ihnen etwas abzukaufen. Von allen Juden sind die Reisenden die lustigsten. Auf unserem x\bend sangen sie Ghassidimweisen, die nur aus drei Worten bestanden, aber sie sangen sie lang und gezogen, mit einer Unmenge komischer Modulationen. Ihren rührenden Reiz kann nur jemand verstehen, der Ostern bei Chassidim verbracht oder die geräuschvollen Synagogen Wolhyniens aufgesucht hat. Außer den Reisenden kam auch noch der alte Liebermann zu uns, der mich in Thora und altjüdischer Sprache unterrichtet hat. Bei uns nannte man ihn allgemein: Monsieur Lieber-