Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Die Geschichte meines Taubenschlags
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 6)
- Language
- German
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DIE GESCHICHTE MEINES TAUBENSCHLAGS 29 denen Menschen losreißen. Sie war in diesem Augenblicke blaß und bemühte sich, die Bedeutung des Ereignisses zu erfassen. Sie streichelte mich, dann stieß sie mich voll Ekel zurück. Sie sagte, es werde ohnedies in der Zeitung angekündigt sein, wer ins Gymnasium aufgenommen wurde, Gott werde uns noch bestrafen und die Leute könnten uns auslachen, wenn wir die Gymnasiastenmonturstücke vorzeitig kauften. Die Mutter war blaß, sie versuchte in meinen Augen das Schicksal zu lesen und blickte mich voll bitterer Wehmut an, wie einen Krüppel, wußte sie doch, welch schweres Mißgeschick unsere Familie seit jeher heimgesucht hatte. Die Männer unseres Geschlechtes hatten anderen Menschen stets Vertrauen entgegengebracht und waren auch, ohne ihre Pläne vorher ordentlich zu erwägen, unternehmungslustig. Dabei war alles schief gegangen. Mein Großvater war einst Rabbiner in Bjelaja Zerkow, aber er wrurde wegen Gotteslästerung davongejagt. Vierzig Jahre lang lebte er noch in großer Not und studierte ausländische Sprachen. In seinem achtzigsten Lebensjahre wurde er wahnsinnig. Mein Onkel Lew, der Bruder meines Vaters, lernte in Woloschinsk Jeschiwoth, desertierte im Jahre 1892 und entführte die Tochter des Kiewer Militärintendanten. Onkel Lew brachte diese Frau nach Los Angeles in Kalifornien, verließ sie aber dort und endete in einem verrufenen Hause unter Negern und Malayen. Die amerikanische Polizei sandte uns nach seinem Tode die Erbschaft, einen großen Koffer, der mit braunen, eisernen Kufen beschlagen war. In diesem Koffer befanden sich: ein Paar Hanteln, einige Büschel Frauenhaar, der Tales des Großvaters, eine Peitsche mit goldenem Griff und in einer Schatulle, die mit billigen Perlen verziert war, Blütentee. Und von unserer Familie blieben nur mehr übrig: der wahnsinnige Onkel Simon, der in Odessa lebt, mein Vater und ich. Aber mein Vater war den Menschen gegenüber nicht ausgesprochen vertrauensselig, er beleidigte sie vielmehr oftmals durch eine Begeisterung, wie man sie sonst nur bei erster Liebe findet; die Leute aber verziehen ihm das nie mehr und betrogen ihn, wo sie nur konnten. Deshalb war der Vater der Ansicht, über seinem Leben schwebe ein böses Schicksal, ein unerforschliches Wesen, das ihn verfolge, sich in ihn eingeschlichen habe und ihm in nichts ähnlich sei. Meiner Mutter aber blieb von der ganzen Familie nur ich allein. Wie alle Juden, war ich klein von Wuchs, schwach, und litt vom vielen Lernen an Kopfschmerzen. All das sah Rachel, meine Mutter, die sich weder vom Bettelstolz meines Vaters, noch von seinem unverständlichen Glauben hatte blenden lassen, daß unsere alte Familie dereinst stärker und majestätischer sein werde,