Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Die Geschichte meines Taubenschlags
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE GESCHICHTE MEINES TAUBENSCHLAGS 25 auf die Prüfung im nächsten Jahr neuerlich vorzubereiten. Ich wollte direkt in die erste Klasse aufgenommen werden. Hinter meinem Rücken hatten meine Verwandten so lange den Lehrer gebeten, bis er einwilligte, mit mir in einem Jahre gleichzeitig den Stoff der Vorbereitungsklasse und der ersten Klasse durchzunehmen, und da wir uns auf alles gefaßt machten, lernte ich gleich drei Bücher auswendig. Es waren das: die Grammatik von Smirnowsky, die Arithmetik von Ewtuschewsky und das Lehrbuch über die Anfänge der russischen Geschichte von Pusikowitsch. Aus diesen Büchern lernen die Kinder jetzt nicht mehr, ich aber lernte sie damals auswendig, von der ersten bis zur letzten Zeile. Und im nächsten Jahre bekam ich bei der Prüfung aus „russischer Sprache" von dem Lehrer Karawajew die sonst unerreichbare Note ,,eins a". In unserer nicht besonders großen Stadt sprach man noch lange über mein außergewöhnliches Glück, und mein Vater war darüber so aus dem Häuschen geraten, daß mir sein Stolz förmlich weh tat, wenn ich an sein gehetztes Leben dachte und seine Art, sich bei jeder Gelegenheit den wechselvollen Eindrücken ganz hinzugeben. Der Lehrer Karawajew war meiner Ansicht nach besser als mein Vater, Karawajew war ein pausbackiger, jähzorniger Mensch, hatte seine Studenten jähre in Moskau verbracht und war kaum dreißig Jahre alt. Seine Wangen blühten rot wie die von Bauernkindern, die noch keine Arbeit kennen; auf der Wange hatte er eine Warze, aus der ein Büschel aschenfarbiger Katzenhaare sproß, die aber nicht ekelhaft war. Außer Karawajew war während der Prüfung noch der Stellvertreter des Schulkurators, Pjatnitzkij, anwesend, den man sowohl im Gymnasium als auch im ganzen Gouvernement für eine bedeutende Persönlichkeit hielt. Der Stellvertreter des Schulkurators fragte mich über Peter den Großen aus, aber ich hatte das Gefühl, alles völlig vergessen zu haben, das nahe Ende fühlte ich und eine Abgrundtiefe, die übervoll war von Entzücken und Verzweiflung. Über Peter den Großen wußte ich alles aus dem Buche von Pusikowitsch auswendig Gelernte, und außerdem noch Verse von Puschkin. Ich rezitierte die Verse schluchzend; die farbigen Menschengesichter begannen plötzlich vor meinen Augen hin und her zu rollen, mischten sich wie die Karten eines neuen Kartenspieles. In der Tiefe meiner Augen mischten sie sich und ich schrie, mit fliegender Hast, aus ganzer Kraft, die Verse Puschkins heraus, indem ich mich stramm aufrichtete. Lange schrie ich so, aber niemand unterbrach mein wahnsinniges Geschluchze. Durch die rote Blindheit, durch all die grenzenlose Freiheit, die mich gefangen hielt, sah ich nur das alte, vornübergebeugte Gesicht