Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Die Geschichte meines Taubenschlags
Date
1927-01-01
Page
24 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912868-2918855--04229-2918952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Geschichte meines Taubenschlags Von Isaak Babel In meiner Kindheit gelüstete es mich nach einem Taubenschlag. In meinem ganzen Leben war ich von keinem sehnlicheren Wunsch besessen. Ich war neun Jahre alt, als mir der Vater Geld für den Ankauf von Brettern und drei Paar Tauben versprach. Man schrieb damals das Jahr 1904. Ich war eben eifrig daran, mich für die Aufnahmsprüfung in die Vorbereitungsklasse des Nikolajewskaja-Gymnasiums zu präparieren. Meine Angehörigen wohnten in der Stadt Nikolajew im Gouvernement Cherson. Dieses Gouvernement existiert nicht mehr, unsere Stadt wurde dem Bezirk von Odessa einverleibt. Ich war erst neun Jahre alt und hatte vor der Prüfung jämmerliche Angst. Jetzt, nach zwei Jahrzehnten, ist es schwer, zu schildern, wie schrecklich ich mich damals fürchtete. In den beiden Fächern Russisch und Arithmetik durfte ich keinesfalls eine andere Note als „eins" bekommen. Der „numerus clausus" war in unserem Gymnasium sehr knapp: fünf Prozent. Unter vierzig in die Vorbereitungsklasse aufgenommenen Knaben durften nur zwei Juden sein. Die Judenjungen wurden deshalb von den Lehrern mit besonders listig gestellten Fragen gequält, was bei den übrigen Knaben nicht der Fall war. Darum forderte der Vater, als er mir die Tauben zu kaufen versprach, daß ich „eins a" nach Hause bringe. Das war für mich eine besondere Qual, ich verfiel in eine Art Wach träum, in einen sonderbar wachen, kindlichen Verzweiflungsschlaf, und in diesem Zustand ging ich zur Prüfung. Dennoch bestand ich sie mit Auszeichnung. Ich hatte eine gewisse Begabung für die Wissenschaften. So hinterlistig mir die Lehrer auch ihre Fragen stellten, konnten sie mir den Verstand und das gute Gedächtnis doch nicht rauben. Ich bekam also in beiden Fächern „eins44. Aber da änderte sich plötzlich die ganze Lage. Efrussi, der Getreidehändler, der nach Marseille Weizen exportierte, gab für seinen Sohn fünfhundert Rubel Bestechungsgeld, man setzte mir vor die „eins" ein Minus, und statt meiner wurde der kleine Efrussi ins Gymnasium aufgenommen. Mein Vater war damals ganz außer sich. Seit meinem sechsten Lebensjahre hatte er mich studieren lassen, alles, was für mich überhaupt möglich war. Der Fall mit dem „Minus" trieb ihn zur Verzweiflung, er selbst wollte Efrussi prügeln oder zwei Lastträger aufnehmen, die ihn schlagen sollten, aber die Mutter redete ihm diese schlechten Gedanken aus, und ich begann mich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.