Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Kampf um das Profanjudentum
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
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22 MENORAH war immer Kampf gegen die religiöse Tradition und ihre sozialen Auswüchse; aber gleichzeitig wurde an deren Stelle ein jüdisches Kulturideal gesetzt, das eigentlich die kulturelle Kontinuität nirgends unterbrach. So konnte M. L. Abrahamowitsch (Pseudonym MendeleMocherSf orim), der als der Schöpfer der neuen hebräischen und jiddischen Literatur angesehen werden kann, die gesamte Struktur des Judentums einer bestimmten Epoche, der vorkapitalistischen, naturwissenschaftlich getreu abbilden und dabei stärksten sozialen und gesellschaftlichen Kampf predigen, ohne etwas anderes als rein künstlerische Tendenz. So wurden die Träger jüdischer Tradition, die Talmudschüler, in den Jeschiboth, so die Schalksnarren der Hochzeitsfeste, die Badchanim, so die Wanderprediger, die Maggidim, Träger der neuen geistigen Strömungen. Die Realisierung der jüdischen Weltanschauung, die in der Tradition dem Jahre 70 der üblichen Zeitrechnung ein Grenzdatum gegeben hatte, vollzog sich nunmehr in immer stärkerem Maße. Das war die geistige Revolution im jüdischen Ansiedlungsrayon Rußlands, gefördert gerade durch die Enge dieses Bezirkes, in dem nicht nur körperlicher, sondern geistiger Kontakt jede „Infektion*' förderte. Als dann die äußeren Einwirkungen die Träume der sehematischaufklärerischen Assimilation, deren Wirkung immer schwächer w7urde, jäh unterbrachen, mußte gerade Rußland der Ausgangspunkt für die auch politisch national orientierten Ideen werden. Die Pogromära der Achtziger jähre, durch den Odessaer Pogrom des Jahres 1871 dumpf angekündigt, erreichte ihr Ziel, die gewaltsame Destruktion des jüdischen Lebens in Rußland, nicht; es hatte sich schon innerlich zu stark ge^ festigt, war gegenwärtig im weitesten Sinne des Wortes geworden. Und die Wiederholungen der Methode konnten wohl das wirtschaftliche Gefüge der Judenheit Rußlands erschüttern, aber das geistige nicht mehr untergraben. In den Achtziger jähren kam jene merkwürdige Reuestimmung der intellektuellen Assimilation auf, welche der Masse jene Impulse gab, die sie überall zu ihrer bewußt nationalen Entwicklung braucht: das Wirken einer zur Masse gehörigen Intelligenz. Die individualistische Richtung der Aufklärung, die noch in dem jüdischen Pissarew" Urja K o w n e r einen ebenso begabten wie charakterlosen Vertreter gefunden hatte, wTar bereits durch die kollektivistischen Strömungen hinweggeschwemmt und war in der Berliner Aufklärung, der man gemeiniglich die Begründung der jüdischen Wissenschaft zuschreibt, das Motiv für die wissenschaftliche Betätigung romantisierendes Historikertum gewesen, so war für