Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Kampf um das Profanjudentum
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 MENORAH russischen Umgebung gewissermaßen von selbst in den russischen Kulturkreis geraten waren. Der jüdische Großkaufmann, der in den Großstädten wohnte, war der Propagator und Finanzier der „Reformen", der importierte deutsche Jude gewöhnlich ihr ausführendes Organ. Dazu kam noch eines: die Absichten der Regierung wurden zu deutlich. Die liberalisierenden Tendenzen in der Judenpolitik Alexanders I. erwiesen sich als bloße Methode für ein Maximalziel: die Russifizierung, besser gesagt, die nationale und religiöse Unifizierung des russischen Reiches; und diese „weiche" Methode wich gar bald einer harten. Das Regime Nikolaus I. zeigte bald sehr deutlich seine wahren Absichten und das Kantonistengesetz, die Jagd auf Soldaten v. dergl. wurden eine Quelle schwerster Bedrückung. Und da zeigte es sich, daß die wenigen „Arrivierten" unter der großen Masse der Juden es verstanden, die Bedrückungen von sich ab- und auf die Masse überzuwälzen; die Armen stellten die Soldaten, die Reichen kauften sich los und da das Kontingent an Rekruten voll sein mußte, wurde auf die Kinder der Armen Jagd gemacht im wörtlichsten Sinne. Als dann Alexander II. (1856—1881) zur Regierung kam, wurde die Unifizierungsmethode wieder geändert, es kam — wenigstens im Anfang seiner Regierung — wieder die milde Tonart in Anwendung. Inzwischen hatte nämlich in Rußland, später als in Westeuropa und weit unvollkommener als dort, der Kapitalisierungsprozeß begonnen, verknüpft mit dem Bau von Eisenbahnen, der Schaffung von Industrien, der Exportpolitik u. dergl. Die Regierung erkannte, daß hier die Mithilfe der Juden von Nutzen sei und daß auch ihre Heranziehung den Unifizierungsgedanken nur fördern könne; darum entschloß sie sich zu verschiedenen Erleichterungen der Rechtslage der Juden, gleichzeitig begann sie wieder „jüdische Kulturpolitik" zu treiben. Es kamen die „Schulreformen" und die Einführung des staatlichen Rabbinats (der Kronrabbiner). Aber die Reformen fanden in der jüdischen Masse keinen Widerhall (der Kronrabbiner zum Beispiel war nie Rabbiner) und die Atmosphäre des Judenhasses, die damals in Rußland und Polen immer ärger wurde, wies die jüdische Bevölkerung deutlich auf die wahren Ziele, die sich hinter der liberalen Fassade verbargen. Die Kronschulen für die Juden, die ein Hort der Russifizierung und Polonisierung waren, wurden gemieden und die Juden begründeten eigene Schulen. Und gerade diese und ähnliche „Selbsthilfe" schuf den Boden dafür, daß aus der Aufklärung, die ursprünglich eine Angelegenheit einiger Idealisten und einiger Mäzene war, eine Bewegung wurde, die, wie alles im jüdischen Ghetto, mehr