Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 698 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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698 MENORAH Läßt er lange auf sich warten? Heute Großväterchen, morgen ich. Ob das Morgen noch weit ist? Nahe oder weit, zwischen ihm und dem Heute liegt noch ein weites Schlachtfeld. Mit Abu Abdullah hätte ich schon Frieden geschlossen, jetzt aber ist dieser Abd-ur Rahman da. Mir scheint, er ist mein Feind. Wie er meine Garben musterte, flammten seine Augen ... Zorn oder Neid? Sie kommen zurück. Abu Abdullah eröffnet sich mir wie ein alter Freund. „Wie es dem Abdullah geht? Ich danke dir, Bruder. Euer El- Madschuzi wirkte Wunder. Was meinst du, Abd-ur Rahman?" Abd-ur Rahman steht düster, antwortet nicht. Abu Abdullah fährt fort: „Seine Glieder waren schon steif und kalt und seine Lider fielen zu. Um seinen Mund zitterte der Abschied. Er aber badete ihn in senfkorngewürztem Wasser... Er lebt. Er stach das Leben mit Nadeln in ihn hinein, er lebte noch. Mittags und nachmittags — immer ein heißes Senfbad! Abends wieder. In der Nacht, frühmorgens, vormittags ... Er wird sterben — meinte jedermann. El-Madschuzi saß neben ihm und lauschte seinem Pulsschlag." Die Erzählung läuft mir über den Rücken. Ibn al Farid sagt sie fieberhaft her, wie einen Heldengesang, der von der Leier begleitet wird. „Euer Iljitschka ist ein großer Zauberer!" Wie anders ist dieser Araber jetzt. Ich erinnere mich, einmal habe ich mit ihm gestritten und er sagte: „Das Nichts ist vollkommener als das Etwas. Im Nichts schlummern Welten. Das Etwas, was du erzeugt hast, ist nur eine Mißgeburt, keine Welt" Damals habe ich lange über seine Worte nachgedacht und oft erschlaffte mein Arm. Jetzt sehe ich, daß er mich nur bange machen wollte. Ich nehme eine Garbe Reis und gebe sie Ibn al Farid. „Ich schicke das deinem Söhnchen." Ibn al Farid steigt aus dem Sattel und umarmt mich. Ich schaue auf Abd-ur Rahman, der finster schweigt. „Willst du auch eine Garbe?" Es zuckt ihm verächtlich um die Lippen und er sagt mit bitterem Hochmut: „Ich nicht." Sie sind längst fort, doch Abd-ur Rahman ließ seinen Schatten zurück. Ich kämpfte nunmehr mit ihm. Du zürnst, weil du unfruchtbar bist. Du zürnst, weil du es mir nicht nachmachen kannst. Dir ist