Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 696 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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696 MENORAH Abd-ur Rahman ist so redescheu und mißtrauisch ... Ich mag nicht mit ihm sprechen und ihm eine Botschaft anvertrauen. Indes quält es mich, daß Großväterchen mir allzusehr im Wege ist, daß seine Krankheit mein Leben beengt, und mache mir Vorwürfe, daß ich Iljitschka nicht habe rufen lassen. Beracha sieht allabendlich Gespenster und flüchtet zu mir. „Jischai, ich kann ihn nicht sehen. Sein Gesicht — wie Kalk und in seinen Augen leuchtet etwas so schrecklich. Siehst du's?" Ich nehme das Tuch und wische den Eiter aus Großväterchens Augenwinkel. „Ich fürchte mich, Jischaj, ich fürchte mich." „Beruhige dich, Beracha. Komm, setzen wir uns neben ihn." Wir setzen uns zu ihm und plaudern; Großväterchen ist schwach, aber sanftmütig; er lächelt viel und mitunter macht er sogar Späße. Ich habe das Gefühl, daß sie sich nicht mehr fürchtet. ,,Geh doch, Beracha, sei nicht kindisch!" „Der Todesengel geht im Haus um.. . ein kleiner erdenfarbener Zwerg, mit irdenen Flügeln... als er mich bemerkte, zog er mir einen Sack über den Kopf." „Dummheiten 1" sage ich ihr flüsternd. „Das sind keine Dummheiten.. . ehe mir die Mutter gestorben war, sah ich ihn ebenso... damals warf er mir ein Tuch vors Gesicht, damit ich ihn nicht sehe. Und als der Knabe krank war.. ." Der Knabe! Jetzt ist es nicht mehr die Furcht allein, was sie martert, jetzt brennen in ihr auch die Wunden der Vergangenheit. Sie weint. „Wir haben drei an seiner Statt", tröste ich sie. „Drei andere, aber nicht ihn." „Weine nicht. Beracha... Fürchte dich nicht, Beracha. Er kommt einmal." „Er kommt!" flüstert sie und ihr Mund atmet den seligen Duft der Liebe. Ich höre auf zu schleifen. Ich führe die Sense gegen den Reis. Wie schön er sich legt! Er ist das Leben, das Leben! Blut gibt er, Willen und Gedenken. Ich nehme einen Schluck Wasser und ernte wreiter. Ich wate tief in der Saat. Mir ist, als ob ich einen Wald lichtete. Ich merke kaum, daß jemand hinter mir stand. Ich fahre auf. Drei Männer auf Eselsrücken, Abu Abdullah, Abd-ur Rahman und in der Mitte ...