Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Dunkle Gewalten
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 690 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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690 MENORAH gefangen, der aus den Augen des Totengräbers blitzte, einen Blick voll hämischer Freude, zugleich voll Gier und Begehren. Und der Vater, der sein Kind begrub, fürchtete für dieses reine Kind, das im Grabe lag; er streckte schützend die Hände aus, wie um die Tochter im Tode vor Bösem zu bewahren. Dann schlug er hin und versank in Fieberphantasien; mühsam brachten ihn Freunde und Verwandte in sein Haus... Stockdunkle Nacht. Leib Mendel stand an Gitels frischem Grabe. Er setzte den Spaten an und ließ ihn wieder sinken. Er kämpfte einen schweren Kampf. Zum erstenmal, seit er Nacht um Nacht das Werk des Raubes tat; diesmal fühlte er Furcht, die erste lähmende Angst, seit... Wieder hob er den Spaten. Ein Geräusch. Entsetzt hielt Leib Mendel inne und horchte: Nichts! Nur Täuschung! Vorwärts, vor dem Morgengrauen muß die Arbeit getan sein... dann liegt Gitel, die Jungfrau, nackt im Grabe! . .. Leib Mendel sang wilde, freche Soldatenlieder und warf hastig mit Spaten und Schaufel die Erde auf von dem Grabe der jungfräulichen Tochter des Reb Joschua. .. Da lag sie. Leib Mendels erregte Sinne spähten gierig nach dem jungen Körper. Doch tiefe Finsternis schien einen schützenden Mantel über die Reinheit zu breiten, sie vor der Entweihung begehrlichen Blickes zu wahren ... Fort mit dem Hemd! Wild riß Leib Mendel an dem Totenlinnen, sein Atem ging keuchend, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Er faßte mit beiden Händen nach dem Totenhemd — doch es löste sich nicht vom Leibe des Mädchens; Leib Mendels Finger schmerzten, seine Arme erlahmten und sein Blut kochte: das Hemd muß ich haben, sollte es auch in tausend Fetzen gehen! Fort damit! Warum läßt es sich nicht lösen? Leib Mendel blickte zum Himmel empor; er suchte einen Lichtstrahl, der ihm die hindernde Kraft gegen sein böses Werk erklären würde. Da — einen kurzen Augenblick hob sich der Mond über die Wolken! Und Leib Mendel sah — die starren Augen der toten Jungfrau waren wie Vorwurf auf ihn gerichtet, und ihre Hände preßten sich krampfhaft an das Totenhemd, keusch ihre Blöße bergend. Mit einem wehen Aufschrei brach Leib Mendel am offenen Grabe zusammen ... Faustschläge brachten ihn zur Besinnung. Er blickte wild um sich. Über ihm standen die Männer der Ghewra. Zorn und Entsetzen zugleich lagen auf ihren Zügen. Eiserne Hände rissen Leib Mendel empor. Furchtbare Anklage prasselte auf ihn nieder. Leugnen war nutzlos; und Leib Mendel gestand zögernd, stoßweise die Wahrheit. Entsetzt hörten die Männer, daß ihn nicht nur diesmal, durch die Schönheit der