Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-12-01 · Heft 12 (Dezember 1926) · p. Seite 691

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 12 (Dezember 1926)
Article
Dunkle Gewalten
Date
1926-12-01
Page
Seite 691 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912865-2918671--04100-2918776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DUNKLE GEWALTEN 691 toten Gitel geweckt, sündhafte Verwirrung angewandelt, sondern daß er lange schon an den Gräbern der Toten gefrevelt und sie beraubt hatte. Die Ungewißheit darüber, welcher ihrer toten Lieben durch Leib Mendels Hand die Ruhe des Grabes verloren, lähmte alle Menschen in der Stadt. Und in jedem Heim wurden die Toten zum zweitenmal beweint. Als Leib Mendel in die Stadt gebracht wurde, hatten die Männer der Chewra Mühe, ihn vor der Wut der empörten Gemeinde zu schützen. Er wurde dem landesfürstlichen Gericht übergeben. Schwer lastete, was geschehen war, auf der ganzen Gemeinde; jeder gab sich die Schuld, ein schlechter Hüter zu sein, da er die teuren Toten in schlechter Hut gelassen hatte. Und dem Bewußtsein der Schuld folgte die Furcht vor der Strafe für die Sünde, die auf die Gemeinde zurückfiel. In langen, bangen Beratungen saßen die Vorsteher der Gemeinde und ihr Rabbi, um einen Weg der Sühne zu finden. Und es ward beschlossen, einen Sühnetag festzusetzen. Am 10. Tammus zog die Gemeinde, der Rabbi, die Vorsteher und die Mitglieder der Chewra Kadischa an der Spitze, in feierlichem Zuge zum Friedhof. Die Leute der Chewra trugen brennende Kerzen in den Händen und jeder hatte ein Bündel mit neuem Totenlinnen unterm Arm. In ihrer Mitte schritt Leib Mendel, den das Gericht auf die Bitte der Juden für diesen einen Tag aus dem Gefängnis freigegeben hatte. So schritt der Zug mit dem Rabbi, den Vorstehern der Chewra und Leib Mendel durchs Friedhoftor; die übrige Gemeinde, die nicht Zeuge des folgenden sein durfte, blieb scheu zurück, stille Gebete murmelnd. Mit zitternder Stimme flehte der Rabbi die Toten um Vergebung für das Unrecht, das ihnen durch die Schuld der Gemeinde geschehen war. Dann bezeichnete Leib Mendel jedes Grab, das er geöffnet, und wieder werkten Spaten und Schaufel. Schweigend erfüllten die Männer und Frauen der Chewra die Pflicht der neuen Toteneinkleidung. Als das letzte Grab, das Leib Mendel bezeichnet hatte, wieder geschlossen war, erflehte der Rabbi nochmals Vergebung, sollte ein Toter vergessen worden sein und der Ruhe nicht teilhaftig werden bis zum Ende der Tage, da die Erlösung Israels sich erfüllt. So sühnte die Gemeinde ... Leib Mendel aber wurde wenige Tage später durch Spruch des Gerichtes vom Leben zum Tode gebracht...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.