Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Dunkle Gewalten
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 689 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DUNKLE GEWALTEN 689 Hastig eilt er weiter, hinaus aus dem Städtchen. Da ist die Landstraße ... Wer geht dort? Es ist die Trödler-Stascha, ein verrufenes Weib. „Die rechte Hehlerin für einen Leichenschänder4'. . . „Leichen - Schänder — wer hat das Wort ausgesprochen? Ich? ... Ein anderer?" „Guten Tag, Leib Mendel! So früh schon schwer geladen?'* — spottet das Weib. „Unsinn, nur die Füße... sie gehorchen nicht. .." — knurrt er - „könntest mir einen Weg ersparen, Stascha! Ich brauche Geld! Da... gutes, weißes Leinen, mindestens zwei Taler wert.. . Dir laß ich's für einen... damit ich nach Hause komme!" Das Weib blickt Leib Mendel lauernd an, hat begriffen: „Meinetwegen einen halben Taler, Leib Mendel; hier .. . gib her... Nicht einen Pfennig mehr, sei zufrieden, sonst.. Ihr lauernder Blick läßt Leib Mendel erkennen, daß sie etwas ahnt... Den halben Tal er in der Tasche torkelt er heimwärts; die Flasche ist voll und Leib Mendel trinkt, bis er bewußtlos, in schwerem, traumlosem Schlaf auf sein Lager sinkt... Starkes Pochen zerreißt seinen Schlaf. Ein neues Grab ist zu schaufeln. Völlig wach geht Leib Mendel an seine Arbeit und weiß: sobald es dunkel ist, da treibt es ihn wieder hinaus, zum, frischen Grab, um das Stückchen Linnen. Haß und Rache sind geschwunden, nur die Gier nach dem Geld ist geblieben, dem Geld, das sich in das wohltuende Gift verwandeln soll ... Und so geht es seither immer wieder, wie Handwerk, wie Zwang der Pflicht.... Gitel, des Reb Joschua jungfräuliche Tochter, sein einziges Kind, ist gestorben, von tückisch-grausamer Krankheit jäh hinweggerafft. Der greise Vater steht an ihrem Grabe; er will, in Ergebung in den Willen Gottes, das Kaddischgebet sprechen; doch bloß ein wilder Schrei der Qual entringt sich seinem Mund und starr streckt sich sein Arm aus, wie leblos; alle Augen folgen der Richtung dieses starren Armes, dessen Hand auf den Totengräber Leib Mendel weist. Der steht da wie immer, doch sein Gesicht ist totenbleich und sein Körper bebt wie im Fieber. „Was hat Leib Mendel heute?" „Er ist erschrocken vor dem Schrei des Reb Joschua." „Freilich... doch er ist wirklich nicht schuld; er tut bloß, was seines Amtes ist." „Natürlich... er ist doch der Totengräber ... Er kann nicht anders.. Er konnte nicht anders — und Reb Joschua hatte den Blick auf-