Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Dunkle Gewalten
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 688 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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688 MENORAH Stein. „Reb Meir ben Levi..." ,,War nicht der schlechteste..„Josef Wilner. .„Hast mir manchen Schimpf getan, Josef Wilner.. Weiter, immer weiter; Namen und Erinnerung, gute und böse. Doch da, in der vordersten Reihe — grausamer Haß glühte in Leib Mendels Augen: „Reb Oser Levi!..." „Reb Oser Levi!" — schrie er ins Grab — ,,Vor vier Tagen hast du mich aus dem Haus gejagt wie einen räudigen Hund; weißt du es noch? Aber jetzt — jetzt bin ich obenauf und du tief unten! Ha, ha, ha . ..! Du hast mich aus deinem Hause gejagt, ich jage dich aus deiner Ruhe! Du... ich nehme dir dein Totenhemd! Du .. .u Mit wilder Hast wühlte Leib Mendels Schaufel die Erde auf, Scholle um Scholle flog krachend empor, bis er das weiße Antlitz des Toten vor sich sah. Hart und sicher griff seine Hand nach dem kalten Körper und bald lag der reiche stolze Reb Oser Levi nackt und bloß, ärmer denn der Ärmste in seinem Grabe. Im Nachtwind aber flatterte wie eine Siegesfahne ein weißes Totenhemd, das Leib Mendel, der Hüter der Toten, in der Hand hielt. Bald deckte die Erde wieder das Grab und sie und ein Toter bargen stumm das furchtbare Geheimnis frevlen, sündigen Raubes. Leib Mendel ist in seine Hütte zurückgekehrt. Er fühlt keine Furcht; aber auch die haßerfüllte Freude ist geschwunden. Eine Leere ist in ihm und etwas, was wie Reue beklemmt... ach, was! Es ist gutes reines Leinen; die paar Ellen sind unter Brüdern mindestens einen Taler wert! Einen Taler! Leib Mendel zündet die Lampe an, trennt das Totenhemd sorgsam auseinander und legt es fein säuberlich zusammen. Wilde Gedanken durchjagen ihn; sie lassen sich nicht so leicht ordnen und zusammenlegen wie das Leinen. Und wie der Morgen graut, sitzt Leib Mendel noch immer an seinem Tisch, das Leinenbündel in einer Hand, in der anderen die leere Flasche, und murmelt wirre Worte vor sich hin. Durst!... Ein Krug Wasser... er hilft nicht! Mit torkelndem Schritt, das Leinenbündel fest an sich gepreßt, geht Leib Mendel stadtwärts. Auf dem Marktplatz.... Wer kommt da, groß, stattlich, den Kopf zurückgeworfen?! Ein Schrei des Entsetzens formt sich in Leib Mendels Kehle, doch kein Ton dringt aus seinem Mund. Wortlos bewegt er die Lippen, der Rücken krümmt sich unter einem verächtlichen Blick wie unter einem Hieb, und Leib Mendel dienert kriecherischergeben: „Nein, Leib Mendel, keine Angst — die Toten stehen nicht auf. Es war nur Levi Osers Sohn, in Wuchs und Haltung dem Vater ähnlich. Ähnlich..." — wild klopft des Totengräbers Herz und kalter Schweiß perlt auf seiner Stirn.