Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Dunkle Gewalten
- Date
- 1926-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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DUNKLE GEWALTEN Einem Totenbuche der Gemeinde Krotosdiin nacherzählt Von Else Priester Leib Mendel der Totengräber war arm, bitter arm. Eine elende Hütte hart am Friedhof war seine Wohnung; die Kälte des Winters nistete sich in ihre Fugen wie Todesschauer und die Sommerhitze wie schwelender drückender Moder. Eis- und Gluthauch des Todes begleitete den einzigen Lebenden an der Stätte der Verwesung auf Schritt und Tritt, gab seiner kärglichen Speise üble Würze und seinem unruhigen Schlaf schwere Träume. Da griff Leib Mendel zur Flasche, Ekel und Grauen fortzuspülen; und der Branntwein wurde sein einziger Freund, denn er brachte ihm den Hauch des Lebens. Immer gieriger griff der Wächter des Todes nach der Gabe des Vergessens und bald wußte es das Städtchen: Leib Mendel trinkt! Seinem Dienst oblag er bald nur mehr mit umnebelten Sinnen und unsicheren Händen und der Abscheu seines Anblickes verhärtete die Herzen derer, die bisher für den Hüter des Friedensortes stets offene Hand und reiche Gabe bereit hatten. Und wenn die Gier nach dem Branntwein Leib Mendel zwang, die Reichen, die auf den Friedhof kamen, hündisch-bettelnd zu umwedeln, dann erwachte der harte übermütige Stolz in der Brust der Reichen und verächtlich warfen sie dem Totengräber ein paar elende Groschen zu; sein Bücken und Beugen war ihnen Augenweide und ihre karge Gabe schien ihnen gottgefällig, um das Laster in Leib Mendel zu töten. Und keiner ahnte, daß mit dem Hunger und der Gier, die den Säufer nach den Bettelgaben schnappen ließen, ein anderes immer stärker in ihm wuchs: der Haß. Der Haß gegen die Reichen und Satten, die den Genuß des Lebens hatten und des Todes nur denken mußten, wenn sie wollten. Und der Haß schrie im Herzen des Totengräbers Leib Mendel — nach Vergeltung an denen, die ihn demütigten, nach Macht über sie und nach Geld, das alle Macht gewährt. Schlaflos lag Leib Mendel auf seinem elenden Lager und sann nächtelang; bis er einmal — hell auflachte: das ist es, alle, alle sind sie in meiner Hand; ich bin ihr Herr in Tod und Leben! Und Geld, wieviel ich mag und wann ich's brauche! Jetzt habe ich sie! Der Mond stand hoch am Himmel, voll und klar dem Gewölk entstiegen. Und Leib Mendel schritt mit Hacke und Spaten die Reihen der Gräber ab. Laut, im Kommandoton, las er jeden Namen auf dem