Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Bilder aus dem jüdischen Vereinsleben in alter und neuerer Zeit
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 684 (sequence 6)
- Language
- German
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684 MENORAH batai ausgegangen war, erfüllte. Ohne Wunderkuren und Zeichen konnte der schlichte Mann seine Sendung nicht durchführen. Er mußte den Zeit- und Bildungsverhältnissen Rechnung tragen. Aber wenn man durch den Wust von Aberglauben zu dem Kern hindurchdringt, so sieht man, daß die Predigt Israels, den sie Baalschem, den Wundertäter, nannten, zwei Momente des jüdischen Glaubenslebens gerechterweise in den Vordergrund rückt: die Innigkeit des Liebesumganges des Menschen mit Gott und die opferwillige selbstverleugnende Liebe zu einander. Man kann nicht leugnen, daß Ghassidimvereine bei allen Ausschreitungen ihrer überhitzten Phantasie, diese fundamentale Auffassung nicht nur in geistreicher Weise in einer großen und eigenartigen Literatur weiter ausgeführt, sondern auch im Leben nicht selten in vorbildlicher Weise betätigt haben. Für die deutschen Juden sollte die Verjüngung der Religion und die Befreiung aus der Formen Starrheit in ganz anderer Weise erfolgen. Auch da führt der Weg nicht geradlinig zum Ziele. Mendelssohn, bedingt und ermöglicht durch die deutsche Aufklärung, ist so recht das Gegenstück seines mystischen Zeitgenossen. Mendelssohn regt an, den Schutt der Jahrhunderte wegzuräumen, zeigt aber nicht positiv den Weg zur Verinnerlichung der Religion. Israel Beseht läßt die Bräuche und Sitten seines Volkes im großen und ganzen unangetastet, er weiß aber den tiefen Gehalt, der in ihnen schlummert, wie mit Zaubergewalt zu wecken. Mendelssohn ist Rationalist. Sein Jerusalem, das Erstlingswerk der jüdischen Theologie in deutscher Sprache, hat der ganzen weiteren Entwicklung des Judentums diesen rationalistischen Zug unverkennbar aufgeprägt. Nur die historisch-positive Schule und die sogenannte Neuorthodoxie bieten Ansätze zu einer tieferen Fundierung des ganzen religiösen Problems. Zu einer jüdischreligiösen Volksbewegung ist es aber auch hier nicht gekommen. Die Jünger Mendelssohns gründeten in Königsberg einen V e r e i n zur Belebung der hebräischen Sprache, Chebrat dorsche leschon eber, deren Organ die Zeitschrift „Meassef" war. Sie strebten sprachlich nach Veredlung des hebräischen Stils. Als strenge Puristen wollten sie mit dem Musivstil auch den ganzen nachbiblischen Wortschatz verbannt wissen. Ihr Ideal in stilistischer Beziehung war Naphtali Hartwig W e s s e 1 y, der Sänger der Mosaide. Im übrigen stand die Zeitschrift ganz im Dienste der Aufklärung. Einer der hervorragendsten Männer dieses Kreises war M. J. B res sei au, ein gründlicher Kenner der hebräischen Literatur, von genialer Gedächtniskraft, Meister auch des witzigen hebräischen Satirenstils, wovon seine Ver-