Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Salomon Ehrmann
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 668 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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668 MENORAH daß gerade bei Männern, bei denen der Hauptteil des Lebenswerkes außerhalb des Judentums lag, die Frage nach ihrem Verhältnis zum Judentum und zur jüdischen Gemeinschaft sich aufdrängt. Bei K h r m a n n beantwortet sich diese Frage leicht: er war Jude im besten Sinne des Wortes im Denken, Fühlen und Handeln. Frei von jeder Engherzigkeit vergaß er über den Juden nie den Menschen. Mit allen Fasern an seinem Judentum hängend und sich dessen bewußt, daß er sein Bestes dieser Wurzel verdanke, wahrte er sich, auf hoher wissenschaftlicher Warle stehend, die Freiheit seines Denkens und Urteils dem Altüberkommenen und den Glaubens- und Stammesgenossen gegenüber, an seinem Teil ernstlich bemüht, aufklärend und bessernd einzuwirken. Treu sich selbst, bewahrte er Treue seiner Vergangenheit und schuf sich damit den Rückhalt für seine Zukunft und alle Anfechtungen des Lebens. „Die Schilderung eines Charakters", sagt Moritz Lazarus, „gewinnt durch die Darstellung seiner Umgebung, seiner Vorfahren ebenso an Klarheit des Ausdruckes und Kraft des Eindruckes, wie ein vorzüglicher Punkt der Natur durch Beschreibung der Umgebung." Will man Snlomon E h r m a n n s Wesen und Werden erkennen, so muß man, wenn auch kurz, seines Ursprungs gedenken. In Ostrovec, einem kleinen böhmischen Dorf des Piseker Kreises als Sohn frommer Ellern, die Mutter gehörte der bekannten Gelehrtenfamilie Sachs an, geboren, verbrachte er seine Jugend in ländlicher Umgebung. Der Vater, unter Bauern lebend, wurde selbst zum Bauern; er betrieb eine kleine Feldwirtschaft. Ehrmann gehörte so zu den böhmischen Dorfjuden, die er in einem ebenso anziehenden wie lehrreichen Vortrag gelegentlich geschildert hat. So lernte er jüdisches Leben mit seinen Leiden und Freuden ebenso kennen, wrie das Gefühl der Verbundenheit mit der Scholle, die Freude an der Natur und der Naturerkennlnis, die er zeitlebens behalten hat. Jeden freien Tag benutzte er zu kleineren oder größeren Wanderungen oder Bergtouren. So war Ehrmann die lebendigste Widerlegung der Konstruktionen vom jüdischen Wesen und der jüdischen Eigenart, die merkwürdigerweise auch von Juden gelegentlich vorgetragen werden. Das jüdische Wissen, das er im Mause empfing, mehrte er durch den Unterricht eines Verwandten, den er bis zum fünfzehnten Jahr genoß und der sich auch auf den Talmud erstreckte. In späteren Jahren, bis zu seinem vierzigsten Lehensjahr, pflegte er wohl mehr nichljüdischen Umgang, aber gerade dadurch erwachte immer mehr die Erinnerung an die Jugendzeit und das jüdische Leben im Ellernhause und stärker wurden die Bande, die ihn mit Juden und Judentum verknüpften. Einen bedeutenden Markstein in seinem Leben bildet in dieser Hinsicht das Jahr 1K95: Am 13. Oktober dieses Jahres wurde der israelitische Humanitälsverein BnC Brith „Wien" gegründet und Ehrmann war einer der ersten, der sich ihm anschloß. Sein umfassendes Wissen, seine Stellung in der Gelehrlenwell, sein Ansehen als Arzt, nicht zuletzt sein von hoher Humanität erfüllter Sinn und sein jüdisches Empfinden gaben ihm nicht nur ein Feld reicher Betätigung, sondern auch eine überragende Bedeutung, bald wurde er Präsident und 1911 Großpräsident des damaligen österreichischen Distrikts. Als dieser dann nach dem Zusammenbruch 1919 aufgelöst worden war, wurde Ehrmann, nachdem durch sein zielbewußtes Wirken die Voraussetzung dafür, durch Bildung weiterer Vereinigungen, geschaffen war, Großpräsident des neuen, dem jetzigen Österreich entsprechenden Distrikts. Was Ehrmann in dem Orden und für den Orden, für seine Aufgaben und Ziele geleistet, kann hier nicht geschildert werden. Aber das darf gesagt werden, daß er der Bannerträger des hohen Gedankens, der ihm zugrunde liegt, war und in seiner Person ihn verkörperte. Aber diese seine Tätigkeit mehrte seinen Ruf und erhöhte sein Ansehen im Hinblick auf die Verbreitung des Ordens weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. So umfangreich aber diese Tätigkeit war, so erschöpft sich damit nicht sein Wirken für