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Menorah · 1926-11-01 · Heft 11 (November 1926) · p. Seite 658

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 11 (November 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-11-01
Page
Seite 658 (sequence 2)
Language
German
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658 MENORAH dient hat, den darf man nicht so rasch entlassen, verzeihe ich Dir noch einmal. Wo ist mein grünes Tuch? Wo mein kleines Polsterl! Wo der Tee? Wo sind die Visitkarten, die nach denen der Landespräsidentin von Schlesien gemacht wurden? Schickt man so eine Mutter fort? Grüße alle Damen, und sage Frau Dr. B., ich habe sie mir zur Busenfreundin erwählt; sie tut mir so leid, und Du weißt, ich bin immer mit den Schwachen. Es ist wahrscheinlich nur eine Gewohnheit, aber sicher ist, daß Du mir auf der Reise sehr gefehlt hast; ich hätte Dich gern wieder um mich. Mit vielen innigen Grüßen Deine treue Mutter Klara. Die schöne Ehe meiner Schwester Rosa riß nach kaum sieben Jahren der Tod entzwei. Der noch nicht 36 jährige, blühende, liebenswürdige Mann erkrankte schwer und starb nach sechsmonatlichem Krankenlager. Er ließ außer der Witwe zwei Kinder in zartem Alter zurück. Mutter war natürlich in Leipzig gewesen, hatte der armen schwergeprüften jungen Witwe beigestanden und sie zunächst zu mir nach Wien gebracht, wo sie sich ein paar Monate erholen sollte. Mutter kehrte erst nach Hause zurück, nachdem sie bei den Chefs in Wien, die mit der Leitung ihrer Filiale in B. hochzufrieden waren, durchgesetzt hatte, daß auch in T. eine solche Filiale gegründet und der armen Rosa übergeben werden sollte. Sie erbot sich, das Geschäft, das sie nun bereits aus dem „F" verstand, einzurichten. So blieb sie einige Wochen in T. und arbeitete unermüdlich, bis sie nicht nur das Geschäft, sondern auch eine gemütliche Wohnung für unsere Schwester eingerichtet hatte. Diese ließ alles mit sich geschehen. Wir Schwestern machten anfangs geltend, daß Rosa eine andere Beschäftigung, die ihrer Bildung mehr entsprach, besser zusagen würde — sie hatte ein kleines Vermögen und erhielt natürlich eine Pension aus Leipzig — wenn das überhaupt sein müsse. Aber so tief Mutter auch fühlte, sie hing Vergangenem nicht lange nach, und nach einer schmerzlichen Erfahrung, nach einem Unglück ermahnte sie uns stets, an Geschehenes, das nicht mehr zu ändern war, keine Gedanken zu vergeuden, sondern die Zukunft ins Auge zu fassen. Und so lautete ihre Antwort: »Jede andere Beschäftigung würde sie den Kindern noch mehr entziehen als das Geschäft, das ihr außerdem einen sichern steten Verdienst abwirft. Dann würde es zu lange dauern, bis wir etwas Passendes nach euern Begriffen finden. Solange sie aber keine Beschäftigung hat, wird sie nur ihrem Schmerz, ihrer Trauer leben, und das taugt nicht, das ist schlecht für sie und noch trauriger für ihre Kinder. Die Pflichten gegen diese kann ihr niemand abnehmen. Je früher sie ihr neues Leben beginnt, desto besser.*' Rosa kam also nach T. — Mutter blieb eine Zeitlang noch bei ihr, dann fuhr sie nach B. zurück und schickte eine der jüngeren Schwestern nach T. und tat, was man von ihr verlangte, still und ruhig und nicht weniger pflichttreu als unser leuchtendes Vorbild, die Mutter, aber ohne Lebensfreude. Die war ein für allemal dahin. Auch die Filiale in T. blühte, und ihr Kundenkreis lernte Rosa schätzen und ihr so vertrauen, daß auch hier die Käufer weggingen, wenn sie gerade abwesend war und am nächsten Tage wiederkamen. Aber außerhalb ihres Geschäfts bekam sie niemand zu sehen, sie machte weder, noch empfing sie Besuche, ging nie ins Theater oder spazieren. So vergingen ein paar Jahre, da ereignete sich das unter diesen Umständen ungeheure Glück, daß mein Mann die Lehrstelle an der Staatsrealschule in T. erhielt. Wer war glücklicher als wir beide, als Rosa, als Mutter 1 ,,Der alte Gott lebt noch!'* rief sie aus, als wir das Telegramm erhielten, das uns die freudige Nachricht brachte. „Nun wird mein armes Schmerzenskind wieder ein menschenwürdiges Dasein führen!*' ilip hpctpn jl|jj||flttiiffp kkkKann & Fried Uli UljIüII HIlLUyjlUlIC billigen Freisen bei f | unke Winzdli 40, im Hofe

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