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Menorah · 1926-11-01 · Heft 11 (November 1926) · p. Seite 659

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 11 (November 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-11-01
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
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UNSERE MUTTER Eine Zeitlang ging auch wirklich alles gut, Rosa wurde durch uns zum Verkehr mit einigen liebenswürdigen Familien gezwungen und trat ein wenig aus ihrer Versunkenheit heraus. Da ereilte sie ein neues Unglück: ihr Töchterchen Else erkrankte an Diphterilis und starb. Rosa befand sich in einer Verzweiflung, aus der wir sie trotz heißen Bemühens nicht herausreißen konnten. Wir bezogen sogar eine gemeinsame Wohnung, aber sie konnte sich nicht aufraffen, vernachlässigte sich monatelang. Da schrieb ihr Mutter: ,,Mein teures Roserle! Gestern abend erzählte mir Frau Sch., Josef habe solches Nasenbluten gehabt, daß der Arzt seinen Zustand für gefährlich erklärt hat — die Folge davon war, daß ich diese Nacht kein Auge schließen konnte. Ich weiß, daß Du jetzt wieder an Nasenbluten leidest, das ist bei Deinem ohnehin so entkräfteten Zustand keine Kleinigkeit. Ich habe leider Gottes die Gabe, mir alles deutlich zu vergegenwärtigen, und so sali ich Dich, liebe Rosa, krank, die Hände ringend und den Arzt anflehend, er möchte Dir doch helfen, Du könntest doch Deinen armen Max nicht so mutterseelenallein in der Welt zurücklassen, um seinetwillen willst Du gesund werden. Bedenke, daß Du gegen Deinen Sohn Pflichten hast, von Eltern und Geschwistern will ich gar nicht reden. Was hat das arme Kind gesündigt, daß Du ihm auch die Mutter rauben willst? Du wirst es sicher bereuen, wenn es zu spät sein wird. So leicht man Blut verliert, so schwer ist es zu ersetzen. Wüßtest Du, wieviel Deine Mutter schon um Dich gelitten und noch leidet, Du würdest Dich hüten, noch mehr Unglück über sie zu bringen. Ich halte nur viel aus und bin unverwüstlich, aber nicht etwa unempfindlich. Hätte ich ein Tagebuch geführt, man würde staunen, daß eine Frau soviel Kraft hat. Du, meine arme Rosa, wirst nicht soviel ertragen können, denn Du bist viel schwächer als ich. Versetze Dich nun in die Lage, krank und schwach im Bette zu liegen! An ein Wiedersehen im Jenseits glaubst Du ja auch nicht, warum willst Du also um ein Nichts das aufgeben, was Du hast? Ich hoffe, die Worte Deiner alten Mutter werden Dir heilig sein wie ein letzter Wille, und Du wirst Dich zusammennehmen. In dieser Erwartung grüßt Dich Deine Dich innigst liebende, treue Mutter Klara." Nach dreijährigem Aufenthalt in T. kehrten wir nach Wien zurück, mit schmerzlichem Bedauern. Unzählige Male hatten wir erwogen, ob wir nicht allen Ehrgeiz fahren lassen und ganz in T. bleiben sollten. Schon Rosa zuliebe. Aber mein Mann war Privatdozent an der Wiener Universität, und in paar Jahren mußte auch Max auf die Hochschule — mit wehem Herzen, wenn auch befriedigt über clie Versetzung, zogen wir wieder nach Wien. Im Sommer waren Rosas Kinder auch schon früher immer mit uns auf dem Lande gewesen und auch sie kam stets zu kurzem Besuch, der Verkehr blieb also lebhaft. Ich habe meiner Mutter und meiner Schwester Rosa, wenn wir getrennt waren, jeden Tag geschrieben, viele, viele Jahre hindurch — das kennzeichnet unser Verhältnis wohl zur Genüge. Rosa war noch nicht einundzwanzig Jahre alt gewesen, als sie heiratete, noch nicht achtundzwanzig, als sie Witwe wurde. Nachher begrub sie ein holdes begabtes Kind, und wir alle warteten sehnsüchtig auf einen Sonnenstrahl für sie. Es schien ihr Schicksal zu sein, sich an fremden Freuden erwärmen zu müssen, um sie blieb es kalt und frostig. Der unselige Krieg kam, der ihren Sohn, das einzige, was ihr geblieben war, auf den Kriegsschauplatz entführte. Stumm ertrug sie das Hangen und Bangen, die Todesangst. Aber aus vielen mörderischen Schlachten ist ihr Max endlich heil heimgekehrt, und das Allerschlimmste ist ihr erspart geblieben. (Fortsetzung folgt.)

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