Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Das Gelübde
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 646 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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646 MENORAH Erst im Morgengrauen rasselten die Remonten mit den Feuerspritzen der Tirailleure heran ... Mit stieren Augen betrachteten die beiden Brüder die ungeheure Verwüstung. Keiner ihrer Vermögenswerte war durch Versicherung geschützt. Ihr Fatalismus hatte sich stets gegen die Vorsichtsmaßregel gesträubt; sie wollten, wie sie es ausdrückten, das Unglück nicht herbeirufen. Die Katastrophe war noch unermeßlicher, als sie es sich vorstellen konnten. Am Morgen sah man an der Stelle der neun Verkaufsläden und der neun Gebäude, die sich über ihnen erhoben hatten, einen Haufen von geschwärzten Steinen und noch rauchendem Gebälk. Die Besitzer der Häuser, die Familien, die keine Einrichtungen mehr besaßen, die ihre Angehörigen dabei verloren hatten — fünfzehn Kinder waren in den Flammen umgekommen — verlangten von den Neftalis Schadenersatz. Einigkeit macht stark, und diese Stärke sollte das beträchtliche Vermögen der beiden Brüder untergraben. Als Rahel von der Katastrophe hörte, lachte sie, ein grausames, irres Lachen: ,,Ich glaube diesmal trage ich ihn wirklich, meinen ,Schuniir Israel'c. Als sich die Nachricht vom Ruin der Neftalis in den Dörfern der Umgebung verbreitete, mähten die Araber, die ihre Gutshöfe hüteten, die halbreife Ernte ab, sammelten die Herden und flohen nach Süden. An Ställe und Scheunen legten sie den Brand, um den Glauben zu erwecken, daß Getreide und Vieh ein Raub der Flammen geworden seien. Um die Kosten der zahlreichen Prozesse, der Schadenersatzklagen, zu zahlen, die insgesamt zu ihren Ungunsten ausgefallen waren, mußten die Neftalis den Grundbesitz, der ihnen verblieben war, zu den niedrigsten Preisen verkaufen: man hatte sich zur Versteigerung angestellt. Die Neftalis entrannen mit knapper Not dem Gefängnis, das sie bedrohte, wenn sie die letzte Schuld nicht getilgt hätten. Mardochai nahm seine Brille ab, verschränkte die Hände und sagte zu seinem entmutigten Bruder: „Was willst du, man muß sich darein fügen... Man muß mit unserem Vater sagen: »Besser dieses als ein ärgeres!' Und doch — keiner von uns hat je seine Pflicht verletzt. Wir haben Gott stets für alles, was er uns gab, gedankt. Warum, o Herr, dieses Unglück, eines nach dem anderen, warum? Und sich sagen zu müssen, daß keine unserer Töchter verheiratet ist .. Die jungen Mädchen schluchzten in verzweifeltem Chor, als die Gerichtsvollzieher alles fortschleppten, aber der schmerzlichste Augen-