Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Das Gelübde
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 647 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS GELÜBDE G47 blick war derjenige, als man sie aus ihrem Vaterhause wies, aus dem prunkvollen Haus, in dem sie das Licht der Welt erblickt hatten, und das sie nun, von allem entblößt, verließen, den ersten Menschen gleich, die aus dem Paradies vertrieben wurden. .. Und Rahel fühlte eine unermeßliche Seligkeit. Es war Gottes Stimme, die auf die ihre Antwort gegeben hatte. Ihr Herz war von Hoffnung geschwellt. Ihr Schoß trug endlich einen Knaben, ja, sie war dessen ganz sicher; das Unglück, das über sie alle hereingebrochen war, das Elend, das sich ihnen mit Riesenschritten näherte, legte dafür Zeugnis ab. Ihr Vermögen war zertrümmert, zusammengeschmolzen wie Salz im Wasser . .. Die beiden Brüder versuchten vergeblich gegen die Strömung, die sie erfaßt hatte, anzukämpfen. Kein Geschäftsmann wollte ihnen eine Anstellung geben, die einen aus Rache, die anderen weil sie Bedenken hatten — man konnte doch nicht jene, die die Reichsten in der Stadt gewesen waren, und die den Platz beherrscht hatten, zu untergeordneten Verrichtungen heranziehen. .. Und bald sollten die beiden Brüder, der lachende und der mürrische, „die Abgebrannten", wie sie jetzt gemannt wurden, Tage ohne Brot kennen lernen . . . JUie Glut des Sonnenunterganges färbt die kleine Stadt rosenrot. Vom Kirchturm ertönen sechs Stundenschläge. In der blauen Luft schweben Jasmin- und Orangenblütendüfte. Dort unten, jenseits der Wälle, neben der Kaserne der Tirailleure, öffnen sich die Fenster des kleinen niedrigen Hauses, wohin sich „die Abgebrannten" geflüchtet haben. Im Halbdunkel sieht man drinnen grellfarbige Gewänder und Zigaretten, die wie Leuchtkäfer funkeln . . . Die Wohnung besteht aus zwei Zimmern, die Wände sind blau, der Fußboden rot, mit Ziegeln belegt. Auf rechteckigen Tischen stehen Tassen aufgereiht, und auf kupfernen Platten ist Haschisch aufgehäuft. Nargilehs wrarten auf die Kunden. Mezaltoub, die Tochter Mardochais, sitzt vor dem Herd und facht das Feuer unter einer blechernen Kaffeekanne an. Die Männer kommen, hauptsächlich Offiziere. Mit raschem Schritt gehen sie dicht an der Mauer vorbei. Am Fuß der Treppe wenden sie sich leicht ab, um ein verstörtes Paar nicht sehen zu müssen, Isaak und Rahel. deren Herz und Sinn nicht mehr auf dieser Welt weilen und die trauervoll ihren Letztgeborenen betrachten, den kleinen Israel, den Unglücksengel, der auf ihren Knieen schläft . . .