Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Das Gelübde
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 644 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912864-2918510--03988-2918612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
644 MENORAH .,Oh, Isaak," sagte sie zu ihrem Gatten, „ich hin zwei Stunden lang in der Mitte des maurischen Bades sitzen geblieben, ehe ich meiner Negerin erlaubte, meinen mit duftender Seife, mit Moschus, Ambra und Kampfer eingeriebenen Körper abzuspülen. Ich trank vor dem heiligen Becken ein Glas Wasser, das vom Blut der Beschneidung des kleinen Zakitou gerötet war, den unsere Dienerin letzten Monat zur Welt gebracht hat. Dann habe ich anbefohlen, daß vor der Türe des Hammam ein kleiner Schüler des „Medrach" (religiöse Schule) warten solle, damit mein Blick auf ihm ruhe. Am Arm meiner ältesten Tochter bin ich nach Hause zurückgekommen, tastend, mit geschlossenen Augen. Esther führte mich wie eine Blinde ..." „Rahel," flehte Isaak, seine Frau ans Herz drückend, „Rahel, meine Königin, bedränge die Natur nicht, wolle Gott nichts abzwingen! Geben wir uns zufrieden mit dem, was wir haben. Ich erinnere mich immer an den Satz, den mein Vater jedesmal aussprach, wenn ihn ein Unglück traf: ,Oh, mein Gott, besser dieses als ein anderes!'" ./Vm Tag nach jener Nacht begab sich Rahel in die Synagoge. Der kleine Tempelhüter wich beim Anblick der ,,Frau Neftali" zur Seite und wagte kaum, nach dem Zweck ihres Besuches zu fragen. „Ich will," sagte Rahel, „daß du mir die Gesetzestafeln öffnest, die große Lampe Mosis' anzündest, die Scheiben herunterläßt und den Eingang in den Tempel bewachst." Als sie allein im Halbdunkel war und die Tür mit den maurischen Ornamenten sich hinter ihr geschlossen hatte, zog Rahel ihre Samthalbschuhe aus. Ihre bloßen Füße mit den rosigen Nägeln hoben sich wie Blumen von dem dunklen Teppich ab. Sie löste das Seidentuch, das ihr ebenholzfarbiges langes Haar zusammenhielt, und mit gefalteten Händen, auf den Knien rutschend, näherte sie sich den Gesetzestafeln, von denen der Junge die purpurnen Vorhänge zurückgezogen hatte. „Mein Gott," flehte sie, ,,bei den guten Taten Abrahams, Isaaks und Jakobs beschwöre ich dich, gib mir diesmal einen Knaben. Habe Mitleid mit meinem frommen Wunsch! Ziere meine Stirn mit diesem holden Diadem. Nimm uns auf der Stelle unser ganzes Vermögen . . . Mache uns so arm wie Hiob ... Lasse mich in Holzschuhen gehen wie meine Magd Rebekka, meine Kinder barfuß wie die ihrigen um Brot bettelnd und sich von den Abfällen der Straße nährend,