Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Das Gelübde
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 642 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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642 MENORAH und geschlossen wurden. Mardochai kassierte ein, gab Kleingeld heraus, ohne je ,,danke" zu sagen. Er schob seine Lade zu, drehte den Schlüssel daran zweimal um und nahm dann seine gewöhnliche Haltung an, die Hände ineinander verschränkt, wobei er das Gehen und Kommen der Käufer über seine Brille hinweg beobachtete. Einigkeit. Gutgläubigkeit, Aufrichtigkeit herrschten zwischen den beiden Brüdern. Sie waren ein Herz und eine Seele. Sobald ihre Existenz gut begründet war und es Heiratsanträge auf sie regnete, die Vermittlerinnen die Rue des Goloughlis hinunter- und hinaufliefen, wie die Wassereimer eines Pumpwerkes, um ihnen die strahlendsten und wohlhabendsten Mädchen der Stadt vorzuschlagen, hatten die beiden Brüder lange kameradschaftlich über die Wahl einer Gattin beraten. Mardochai hatte eine Frau nach seinem Geschmack gefunden, sittsam, intelligent und schön. Sie schenkte ihm eine einzige Tochter und er gab sich damit zufrieden. Mezaltoub zählte jetzt zwanzig Jahre, sie glich ihrer Mutter. Mardochai gedachte sie mit einem braven Jungen zu verheiraten, den er an seiner Geschäftshälfte beteiligen wollte. Es fehlte nicht an Partien. Mardochai beeilte sich nicht, er wollte eine sorgfältige Auswahl treffen. „Ich habe wohl das Recht dazu", sagte er zu seiner Frau. „In einer Nacht wird die Ehe vollzogen, aber überlegen soll man sie ein Jahr lang. Und wir haben nur geratene Töchter in unserer Familie!" Isaak hatte eine ungewöhnlich hübsche Frau geheiratet, in die er wahnsinnig verliebt war. Keine Laune, die Rahel je äußerte, blieb unerfüllt. Rahel halte sieben Töchter: das war ihr einziges Mißgeschick. Denn Rahel war stolz, neidisch und ehrgeizig. Sie fühlte sich in ihrer Eigenliebe grausam verletzt, weil sie keinem Knaben das Leben geschenkt hatte, der den Namen Neftali fortpflanzte! Rahel war die unglücklichste Frau. Je mehr Mädchen sie zur Welt brachte, desto mehr Traurigkeit und Verzweiflung erfüllte ihr Herz. Nichts vermochte sie zu trösten, weder die Liebe ihres von ihr bezauberten, stets aufgeräumten Gatten, noch die Pracht des Hauses, das sie mit ihrer Schwägerin teilte, in dem maurische Höfe ihre Mosaiken zur Schau stellten, Springbrunnen über Porphyrbecken rieselten und Teppiche aus dem Süden des Landes und Perlmuttermöbcl die schattigen Zimmer zierten; nicht einmal die Schönheit ihrer Töchter, die eine ganze Welt zu erhellen vermocht hätte, konnte sie trösten, auch nicht ihre Sanftmut, ihre Liebenswürdigkeit und die Sorgfalt, mit der sie ihre Mutter umgaben. All dem gegenüber blieb Rahel gleichgültig. Daher traf Isaak die zartfühlendsten Vorsichtsmaßregeln