Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Das Gelübde
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 641 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912864-2918510--03985-2918609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DAS G EL Ü HDh TUNIS: STRASSE MIT VERKAUFSLÄDEN Aus: „Nordai'rika" Sammlung: Orbis Terrarum, Verlag- Ernsl Wusrnuth A. Cr., Berlin Der Ältere war groß, mager, dunkel; die Nase war hakenförmig, die Finger unverhältnismäßig lang. Dazu war er heiler, gar nicht stolz auf sein enormes Vermögen, das er in wenigen Jahren harter Entbehrung und saurer Arbeit erworben hatte. Er war ein guter Plauderer und scherzte mit dem Erstbesten. Die Araber nannten ihn den „lachenden Bruder". Mit einem Metermaß aus Eichenholz an der Hüfte ging er vor den neun Türen der Rue des Goloughlis hin und her, überwachte die Kundschaft, die nicht immer von Skrupeln beschwert war und sein Mißtrauen erweckte. Der Jüngere dagegen war zurückhaltend, schweigsam, frühzeitig beleibt. Tränensäcke unter den farblosen Augen, rötliche Flecken im Gesicht verrieten eine angegriffene Leber, die auch die Ursache seiner mürrischen Laune bildete. Eine Schildkrotbrille weit über die großen Nasenlöcher vorgeschoben, verharrte er unbeweglich hinter dem Ladentisch, einem massigen Block aus hellem Holz, formlos und ohne Politur, mit glänzenden Kreisen um die Schlösser der Schubladen, die verrieten, wie unzählige Male sie tagsüber geöffnet