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Menorah · 1926-11-01 · Heft 11 (November 1926) · p. Seite 640

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 11 (November 1926)
Article
Das Gelübde
Date
1926-11-01
Page
Seite 640 (sequence 2)
Language
German
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640 MENORAH aus dem Brunnen in der Straße. Abends gingen sie um sieben Uhr schlafen, um keine Kerzen zu verbrennen und des Morgens in aller Frühe auf den Beinen zu sein. Und der dürftige, dunkle Laden, der schlecht gelegen und daher eine Zeitlang unbemerkt geblieben war, sollte bald das größte, blühendste Geschäft der Stadt werden. Die Kollegen murrten über diese gefährliche Konkurrenz. Mehrere von ihnen sagten in demselben Jahr Konkurs an. „Kanaillen, Gauner, schmutzige Juden/' das waren die Epitheta, mit denen Isaak und Mardochai sich am häufigsten bedacht saben. Sie erwiderten nie etwas darauf. Die europäischen Geschäftsleute, die seit ihrer Kindheit an Mahagonitische, weißes Gedeck, an Braten, Wein und Nachlisch gewöhnt waren, konnten nicht begreifen, wieso die Gebrüder Neftali dieselbe Ware zu so niedrigen Preisen verkaufen konnten. „Aber sie haben ja gar keinen Nutzen! Wie können sie leben? Wo kaufen sie ihre Waren? Sie müssen sie rein stehlen . .. Jedenfalls arbeiten sie mit einem Vorteil, den wir nicht kennen!" Je mehr Firmen Konkurs ansagten, und je mehr Läden sich schlössen, desto mehr füllten die Brüder Neftali ihren Laden zum Bersten mit Waren an, die sie bei eben diesen Konkursen erstanden hatten. Dann eröffneten sie einen neuen Laden daneben, ohne daß es ihnen in den Sinn gekommen wäre, einen Architekten oder Maurermeister in Anspruch zu nehmen. Die Verbindungsmauer wurde niedergelegt und die Trümmer wurden fortgefegt. Damit war der Umbau vollzogen. Billige Waren, billige Waren, das ist alles was unsere arme und mißtrauische Kundschaft verlangt. Lassen wir es uns auch nur einfallen, unsere Läden zu weißen, so werden wir sehen, daß alle sich verlaufen. Der Kabyle mit seinem Burnus, der Malteser mit seiner Husarenhose, der Jude mit seinem Kaftan, sie alle überlegen es sich zwanzigmal, ehe sie die Schwelle eines glänzenden Geschäftes überschreiten", sagte Mardochai zu seinem Bruder, der manchmal Anwandlungen von Modernismus hatte. „Höre nur, wie die Käufer reden, wenn sie aus den ,Galeries de France' kommen: ,Freund, diesen Luxus bezahlen wir!' Und überdies, wenn man alles von unterst zu oberst kehrt, die Decke abkratzt, die Türen neu anstreicht, dann vertreibt man das Glück und verscheucht den Erfolg. Der Staub, der gute alte Staub, der Schmutz, meinetwegen, sind der Sauerteig des Ladens. Und unsere Väter gehörten dem Arbeiterstand an; sie standen ob ihrer Bescheidenheit in den Büchern des Herrn verzeichnet: wir dürfen Gott nicht versuchen!"

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