Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Saloniki, das Zentrum der Sephardim
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 626 (sequence 4)
- Language
- German
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626 MENORAH numerischen Überlegenheit (85.000 Juden unter einer Gesamtbevölkerung von 135.000). So konnte hier, mitten im türkischen Imperium, eine jüdische Atmosphäre geschaffen werden, die dem. gesamten Stadtleben ihr Gepräge verlieh. An Sabbaten und Feiertagen ruhte alle Arbeit in der Stadt, „das ganze Rad stand still". Auch im Hafen herrschte Sabbatruhe, da die vierhundert jüdischen Hafenarbeiter, „die alle schwere und grobe Arbeit besorgten", „spazieren gingen in ihren pelzverbrämten Kaftans" (Kielland). Viel von dieser Atmosphäre ist noch vorzufinden, trotz veränderter Verhältnisse. Der Zustrom der griechischen Flüchtlinge in den Nachkriegs jähren hat die Bevölkerung der Stadt bis zu einer halben Million anwachsen lassen, so daß die Juden gegenwärtig bloß 15 Prozent der Einwohnerschaft darstellen. Eine starke Bewegung zur Wanderung nach Palästina macht sich immer mehr bemerkbar. Die alte Traditionstreue konnte nicht abgeschwächt werden. Ein Freitagabend in Saloniki ist ein eigenartiges Erlebnis, das man nicht vergißt. Von allen Gassen strömen Massen festlich gekleideter Männer zu den Synagogen, das Licht tausender Sabbatkerzen flammt aus offenen Fenstern und Veranden. Liebliche Ruhe breitet sich über das Juden viertel. Jetzt erschallt Gesang aus den hellerleuchteten Häusern und althebräische Hymnen klingen feierlich im Räume. Gequälte Alltagsmenschen erheben ihre Herzen zu Gott, Ewigkeitsstimmung zittert in der Luft. Es ist ein erhebender Augenblick. Alles, was ich vom jüdischen Saloniki zu sehen bekam, zeugte von einer Lebenskraft, die die erschwerten Verhältnisse nicht zerstören konnten und die pädagogisch jeden Vergleich verträgt. Ich sah neuangelegte Armenquartiere mit sauberen, gut angelegten und unglaublich billigen Wohnungen, die die jüdische Gemeinde nach der Feuersbrunst des Jahres 1917 erbaute. Dies däucht mir ein Muster rationeller und zweckmäßiger sozialer Hilfe. Aber was in erster Linie dem jüdischen Saloniki das allgemeine Interesse verleiht, ist die sephardische Frage, die hier ihren Brennpunkt hat. Hier ist vielleicht der letzte Platz in der Welt, wo Sephardim, diese in vieler Hinsicht interessante Gruppe der Judenheit, noch eine Zeit ihre ursprüngliche Reinheit aufrechterhalten können. Im Saloniki von heute erhält man ein zuverlässiges Bild der Sephardim oder Spaniolen, mit Bezug auf ihre ursprüngliche Eigenart, ihre Gestalt und Physiognomie, ihre Sprache, Sitten und Lebensweise. Als Ferdinand der Katholische und Isabella im März 1492 das für