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Menorah · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · p. Seite 544

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 9 (September 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-09-01
Page
Seite 544 (sequence 2)
Language
German
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544 MENORAH mir doch den Vorwurf nicht ersparen, warum ich Dich in der Nacht fahren ließ. Da noch dazu seit Deiner Abreise — lange ist ja Goisern nie ohne Regen — der Regen den ganzen Tag in Strömen fließt, Du also bei Tag eine gute, kühle Reise gehabt hättest, ärgere ich mich doppelt. Auf den lieben Moritz warte ich natürlich noch, aber hoffentlich verlangt sonst niemand mehr von mir, daß ich noch länger bleibe. Hier geht alles seinen gewohnten Gang, siatt deiner ordnenden Hand rühren sich wohl mehrere, aber die Deine fehlt doch. Mit vielem Dank für Deine kindliche Aufmerksamkeit und Pflege bin ich Deine treue Mutter Klara. Liebes Roserle! Ich bin wieder ganz wohl, mache Dir also keine Sorgen. Die gute Lotti wollte die ganze Woche bei mir schlafen, ich habe sie nur mit größter Mühe davon abgehalten. Der Frau Dr. S. habe ich schwören müssen, mich in der Not an sie zu wenden, ja ganz zu ihr zu gehen, auch für die Nacht. Die Therese Sch. behauptet, ich müßte zu ihr. Da bin ich denn zu der Ansicht gekommen, es wäre gut, die Wohnung aufzugeben und abwechselnd auf Kost und Quartier zu gehen. Zu diesem Entschluß hat mich noch ein anderer Umstand bewogen: ich habe gelegentlich der geschäftlichen Inventur auch bei mir Inventur gemacht und gefunden, daß ich im abgelaufenen Jahr viel zu viel gebraucht habe. Seien wir brav, Roserle, und melden wir zwei uns selbst, man soll Kuratel über uns verhängen. Du, Roserle, hast es schon lange verdient, und ich habe das Versäumte diesen Sommer nachgeholt. Wir haben ja noch immer nicht zu wenig, aber wir brauchen zuviel, und das ist in meinen Augen eine Sünde. Mir bleibt heuer viel weniger von meinem Einkommen übrig als letztes Jahr. Diese Reisen — Franzensbad, Paris! Es ist ein Unglück, wenn man eine so leichte Hand hat und so gern gibt — für mich gibt es, bei Gott, kein größeres Vergnügen. Es sollte aber nicht so sein. Sa»' also, Roserle, sind wir nicht beide reif für die Kuratel? Ich kann leider die Schrift des lieben Hugo in seinem letzten Brief nicht gut lesen — möchtest Du ihn mir ,,übersetzen*'? Ich lese nur, daß die Überfahrt nicht besonders gut war. Gott sei Dank, daß sie überstanden und er schon dort ist! Mit tausend herzlichen Grüßen und Küssen Deine treue Mutter Klara. Liebes Roserle! Du schickst mir einen Lutscher in Gestalt eines Briefes vom 21. Davon werde ich nicht satt. Warum bekomme ich den Brief nicht zu sehen, den Dir Jonas doch sicher nach seiner Rückkehr geschrieben bat? Warum schickst Du mir nicht irgend eine Nachricht aus Besancon?*) Wo ich vor Angst fast vergehe! Seit der Nachricht von der vierten Amme habe ich nichts gehört. — Die Völkerwanderung hat diesmal früh begonnen und meine Unruhe ebenfalls. Behandle mich nicht als unmündiges Kind, und teile mir mit, was ich wissen will. Also schreibe und sende Briefe ein Deiner besorgten Mutter Klara. Mein liebes Roserle! Zu Deinem Geburtstag die innigsten Wünsche. Es ist keine Redensart, wenn ich sage, uns allen ist zu gratulieren, daß wir eine so gute Seele unser nennen. Erst gestern sagte mir der alte Herr H.: ,,Sie haben lauter auserlesene Kinder, liebe Frau Weiß, aber Rosa ist doch die Krone von allen." Jeder weiß, was Du für eine Mutter, Tochter, Schwester und Freundin bist. Ich erflehe von Gott, daß er Dich nach Deinem Verdienst beglücke. Hast Du so lange schon nur für andere gelebt, so soll es Dir der 1. Gott vergelten und Dich ein paar angenehme Jahre verleben lassen. Jetzt wäre noch Zeit, später geht einem die Fähigkeit, zu genießen, ab. Meine Hand zuckt, Dich herzurufen, aber ich habe noch nicht die noble, das heißt leichtsinnige Ader dazu. Schreibe mir, was für Möbel ich für das Speisezimmer besorgen soll. Die l. Minna behauptet, polierte Kredenz und braune Ledersessel, das sei nicht stilgerecht. Es ist weder nach Karl dem IV., noch nach Ludwig dem XIV., es ist wahr, aber . . . Es grüßt und küßt Dich __Deine treue Mutter Klara. *) Dort lebte damals meine Schwester Jenny deren Entbindung-wir Mutter solange als mög-lich verheimlicht hatten, damit sie, die diesen Strapazen nicht mehr gewachsen war, nicht doch hinfahre.

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