Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Mutter Voll A. K. (13. Fortsetzung.) Im November 1881 wurde meinen Eltern der erste Enkel geboren. Um dieselbe Zeit bat meine Tante Sophie in Leipzig unsere Eltern flehentlich, sie möchte ihr doch eine ihrer zahlreichen Töchter ganz überlassen. Die Ärmste hatte ihren einzigen Sohn schon vor vielen Jahren verloren. Ein Kind ganz herzugeben, davon wollten die Eltern natürlich nichts hören, aber ich fuhr für ein paar Monate hin. Ich blieb den ganzen Winter dort, bis tief ins Frühjahr hinein. Dann aber, als mein Heimweh unbesiegbar geworden war, kehrte ich auf dem Umweg über D. nach Hause zurück und brachte Schwester Rosa und den kleinen Max mit. Der Jubel war unbeschreiblich. Im Spätsommer holte mein Schwager Frau und Kind wieder ab. Meine teuem Kinder! Zunächst herzlichen Dank für Depeschen und Karte aus Berlin. Daß Maxerle auf der Reise brav war, macht mich ganz glücklich. Dir, lieber Sohn, danke ich noch ganz extra für Deinen lieben Besuch. — Was soll ich Euch, meine lieben Kinder, sagen? Daß uns bange istP Das ist selbstverständlich, aber wie sehr uns bange ist, das zu beschreiben ist unmöglich. Wenn das Goldkind nur einmal wieder rufen wollte „Kireki!" Aber es soll nicht sein, und ich füge mich, wie immer, ohne Murren. Der Mensch soll nicht undankbar sein für die Wohltaten, die der 1. Gott ihm erweist, und so danke ich ihm aus tiefstem Herzen, daß Ihr überhaupt hier wäret und bitte ihn, es auch nächstes Jahr erleben zu dürfen. Lebt wohl und seid innig gegrüßt und geküßt von Eurer treuen Mutter Klara. Liebe Rosa! So etwas hätte ich nie für möglich gehalten! Du und so undankbar! Ich habe Dich zur Majoratsherrin ernannt, nie ein Geheimnis vor Dir gehabt, Dir alle Briefe geschickt, selbst die mit dem Vermerk „eigenhändig" ausschließlich an mich gerichtet waren, Dich in die wichtigsten Familienangelegenheiten, z. B. Ammen- und Dienstmädchensuche für die Kinder, zu Rate gezogen, und zum Dank hintergehst Du mich, nimmst eine Amme auf und läßt Dir nicht das mindeste merken — warte, warte! Noch habe ich das Szepter nicht aus der Hand gegeben, noch sind Dir die Güter nicht gerichtlich zugesichert, Du sollst sehen, wie ich mich räche! Du wirst abgesetzt, ja enterbt! Leider weiß ich nicht, welche von Deinen Schwestern Dein Erbe antreten soll, denn Ihr seid alle gleich falsch, verheimlicht mir, was ich wissen müßte . . . Aus Rache wollte ich III. Klasse fahren, hörte aber zu meinem Schrecken, der Zug habe nur I. und II. Also bessere Dich, aber rasch! Deine treue Mutter Klara. Liebes Roserle! Mir ist nicht zu helfen, ich stehe unter Kuratel. Wüßte ich nur warum. Ich habe nie einen Anstand bei Gericht gehabt, und doch stehe ich unter Aufsicht. Na, wartet nur, ich geh Euch durch, und kein Mensch findet mich! Bis dahin grüße ich Dich herzlich als Deine treue Mutter Klara. Liebe Rosa! Dein wie immer schöner Brief ist heute angekommen und hat allgemeinen Jubel hervorgerufen. Aber Du kannst Deine Reise noch so humoristisch schildern, so kann ich