Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Gespräche über Kunst, Judentum und Judenstaat
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
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532 MENORAH von diesen Herren, vorauszusetzen, daß Sie jetzt, wo Sie große materielle Sorgen haben, wo Sie bedrückt darüber sind, daß wir in Palästina so entrechtet sind, sich dafür interessieren sollten, wie Herr X. um sein Mädchen wirbt oder Herr Y. griechischen Geist in die hebräische Sprache einführt. Aber — wenn Herr X. ein Gedicht anläßlich des Ausschlusses der Juden aus der palästinensischen Armee veröffentlicht hätte, das hätten Sie gelesen? Nicht wahr? Dessen Inhalt halten Sie sich gemerkt? Nicht wahr? Und als die englischen Polizisten die Juden am Versöhnungslage vor dem Kotel Hammariw von ihren Sitzen wegrissen — wenn da ein Dichter den Grimm und Schmerz der Juden gesungen hotte, das Gedicht hätten Sie gelesen, nicht wahr?" Der Maler: ,,Ja, das Gedicht hätte mich interessiert. Aber das wäre doch nur ein Leitartikel in Versen gewesen. Keine Kunst." Ich: „Richtig. Und die Marseillaise ist auch nur ein politisches Manifest in Versen. Und ,Rule Britannia, rule the waves' ist eine versifizierte Verfassung. Aber die Marseillaise riß trotzdem die Franzosen bis Kairo und Moskau, und wenn der Engländer singt ,Briten werden niemals Sklaven sein', dann singt er seine Verfassung. Und wenn wir Juden heute Dichter hätten, die uns Leitartikel singen würden, dann würden diese Artikel ewig leben und neues Leben schaffen, während die prosaischen Aufsätze des ,Haarez' oder ,Dawar' zwei Tage nach Erscheinen schon Makulatur sind, Nicht in dem Inhalt, sondern in der Kunst der Form ist der Unterschied zwischen Prosa und Poesie, zwischen Kunst und Alltag. Zum Teufel mit dem Egoismus der lyrischen Hebraisten, die verlangen, daß ein Volk, das um seine Wiedergeburt ringt, darauf achten soll, wie fein der Herr Poet die Abendstimmung wiedergibt. Singet Arbeitslosigkeit, singet Zollgeselze, singet — bis die Ohren eures Volkes offenstehen und seine Herzen sich weilen vor Sehnsucht nach Gesundheit und Stärke und Schönheit und Freiheit!" Der Maler: „Entweder hat das Volk diese Sehnsucht, dann braucht es keine Gedichte darüber. Oder es hat sie nicht, dann nützt kein Singen und Sagen." Ich: ,,Falsch. Grundfalsch. Warum lesen Jünglinge und Mädchen Liebesgedichte? Weil sie dort von dem begnadeten Sänger das ausgedrückt sehen, was sie qualvoll stark empfinden, aber selbst nicht aussprechen können. Haben sie erst einmal sich daran gewöhnt, selbst von Liebe und über Liebe zu sprechen, viel zu sprechen, gut zu sprechen — dann brauchen sie den Poeten nicht mehr als Mittler ihrer Gefühle. Das gleiche gilt von der heroischen oder politischen Dichtung: Börne, Heine, Herwegh, Freiligrath sangen ihre Leitartikel zu einer Zeit, als diese Gedanken schon im ganzen Volk lebten, aber noch nicht ihre endgültige Form gefunden hatten. Die Dichter der Revolution schufen diese Form und das Volk trug sie auf die Barrikaden." Der Maler: „Und das wünschen Sie in der jüdischen Literatur wiederholt zu sehen?" Ich: „Ich wünsche es nicht nur, ich sehne mich danach. Ich sehne mich danach, daß unsere Dichter ins Leben nieclersteigen, uns in unserem Kampfe helfen, uns Worte für unseren Schmerz, für unsere Freude leihen. Wer denn soll es tun, wenn nicht sie?" Der Maler: „Wenn Sie so denken, werden Sie wahrscheinlich mit unserem hebräischen Theater zufrieden sein — dieses führt doch lauter jüdische Dramen auf. Jaakobs Traum, Belsazer, Dybuk." Ich: „Sie meinen, jüdische Stücke — aber nicht jüdische Dramen. In all diesen Stücken wird doch nichts getan, ,es' geschieht — aber nicht Menschenkraft bewegt vorwärts, nicht Gottes Kraft befreit — man sieht Geschehnisse, aber nicht Handlungen." Der Maler: „Sie verurteilen die Dramen vom künstlerischen Standpunkt; aber an diesen dachte ich jetzt nicht..." Ich: „Sie mißverstanden mich wieder. Auch ich dachte nicht daran, daß — vom literarischen Standpunkt aus — Belsazer ein Schmarren und der Dybuk nicht viel besser ist. Mir liegt an einem ,Standpunkt' sehr