Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Gespräche über Kunst, Judentum und Judenstaat
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
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GESPRÄCHE ÜBER KUNST, JUDENTUM U. JUDENSTAAT 533 wenig, wenn es um eines Volkes Leben geht. Ich glaube, daß die Wahl der Stücke des Theaters Gnessins ebenso schlecht ist wie schädlich Für ein lebendiges Palästina." Der Maler: „Ich glaube, Sie kritisieren immer und aus Prinzip. Bald ist man zu wenig palästinensisch, bald zu sehr. Gnessin muß Ihnen doch gefallen haben — er hat Stil, Geist. Die Aufführungen sind ein wirklicher Genuß gewesen, auch wenn der Inhalt der Stücke vielleicht sehr minderwertig gewesen sein mag." Ich: „Lieber Freund, bitte, denken Sie mal einen Moment lang als Revisionist. Versetzen Sie sich schon in die Lage eines so entsetzlichen Subjektes, ja? Was werden Sie dann von einem palästinensischen Theater verlangen?" Der Maler (zögernd): „Daß es die Probleme Palästinas auf der Bühne löst, daß es sie ,bedeutend und gefällig' löst, wie Sie früher auf die revisionistischen Bilder, die Sie bestellten, sagten — daß es so gut sei, um Fremden gegenüber repräsentativ zu wirken . .." Ich: „Sie haben sich schon in den Revisionismus der Kunst gut hineingedacht, aber noch nicht vollständig. Sehen Sie: wenn wir einen jüdischen Staat haben wollen, muß er unsere geistigen Bedürfnisse so weit befriedigen, daß wir uns in ihm heimisch fühlen sollen, glücklich, mit so wenig Entbehrungen als möglich. Deshalb brauchen wir ein Theater und nicht aus nationalem Ehrgeiz, deshalb gehört Theater und Malerei und Oper genau so zu unserem Lebensbedarf wie Land und Schule und Spital. Zu einem Theater gehört nun zweierlei: erstens müssen wir hier in Asien wissen, was in der dramatischen Welt Europas vorgeht, wir müssen auf unserer Bühne die besten Stücke Frankreichs, Englands, Italiens, Deutschlands, Rußlands in Übesetzungen sehen — sonst werden wir in unserer dumpfen Kleinstadtatmosphäre zu Provinzlern. Deshalb verurteile ich Gnessin, der Palästina in zwei Jahren genau sechs Stücke gezeigt hat, von denen kein einziges repräsentativ für die Dramatik irgend eines Landes und irgend einer Zeit ist. Deshalb ist für mich unser Theater nicht mehr als ein Festspielhaus'. Und zweitens — wir brauchen doch hebräische dramatische Dichter, wie Sie sehr richtig gesagt haben, die unsere eigensten Probleme auf die Bretter bringen, uns von unseren Sorgen erzählen, uns bei uns heimisch werden lassen.'* Der Maler: ,,Aber Sie wissen doch selbst, daß man palästinensische Dramatiker sucht und nicht findet. Woher sollen wir sie denn nehmen, wenn es keine gibt?" Ich: „Bilden sollen wir sie! Den Palästinensern die besten Dramatiker zeigen: Shakespeare, Shaw, aber auch Sardou und Ibsen und meinetwegen Kabale und Liebe. Wirkliche Dramen mit reißendem Leben — damit die jungen Juden hier lernen, was ein Drama ist, in dem gehandelt wird und nicht nur gesprochen. Aus ,Jaakobs Traum' werden sie es nie lernen. Und dann wird eine Generation hebräischer Dramatiker ganz von selbst entstehen. Und mit ihr das hebräische Theater." Der Maler: „Alles was Sie sagen, ist ja sehr logisch und konsequent. Aber ob das noch Kunst ist, was Sie verlangen, das weiß ich nicht." Ich: „Glauben Sie mir, lieber Freund, es wird mehr wie Kunst dazu gehören, ein solches Programm zu verwirklichen. Die Idee des Judenstaates ist als künstlerische Konzeption so gewaltig und so groß, daß alles andere neben ihr zur Hilfskunst herabsinkt. Ein Volk von mißmutigen und feigen und armen und zerstreuten und ungläubigen und abergläubischen Juden zu einem Slaatsvolk zu machen —■ nennen Sie das nicht: Kunst?! Wie denn, was denn ist Kunst, wenn nicht dieses . .