Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Vom neuen Geist der jüdischen Baukunst
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 522 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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522 MENORAH bruch bereit. Wo, wenn nicht in unseren Tempeln, hätten wir die sittliche Pflicht zur ganzen Wahrheit? Und wo, wenn nicht hier, würde ihre schmucklose, sachliche Gestalt, da sie dem gedrückten Zustand unseres Lebens Ausdruck gibt, ergreifender, also auch feierlicher wirken? Statt dessen lieben wir das gerade Gegenteil, nämlich jenen Typ, der nun seit reichlich fünfzig Jahren bei uns im Schwange ist. Er ist aus allerhand Stilen gemischt, mit allerhand, meist „maurischen*' Orientalismen gewürzt, nur die jüdischen fehlen, — aber wir nennen ihn unentwegt „jüdisch". Seine Bauform, das dreischillige Langhaus mit östlicher Visierung und der Estrade im Zielpunkt ist — mit oder ohne Kuppel — fremdbürtig, es fehlt neben der einseitigen Gebeisrichtung die allseitige für die Verlesung des Gesetzes, also die Zentralanlage der jüdischen Synagoge — aber wir nennen sie „jüdisch". Und zum Überfluß sind die Wände — von den farbigen Fenstern ganz zu schweigen —• mit rot-blau-güldenen „Arabesken" verseil wenderisch bekleidet, wahren Orgien dekorativer Schablonenkunst, die unsere renommiertesten Anstreicher für solchen Gebrauch auf Lager halten. Zu ihrem nur begreiflichen Stolz und zum weniger begreiflichen Ergötzen der jüdischen Besteller. Denn was in aller Welt veranlaßt sie, diesen billigen Kram farbiger Tünche, den Gipfel ihrer Schaulust, „jüdisch" zu nennen? Erinnert er sie nicht an die fatalen Stiegenhäuser in unseren Mietskasernen, die an vergoldeten Geländern und falschen Marmorplatten entlang zu Kleinwohnungen führen, hinter deren Türen das verschämte Elend des Mittelbürgers haust? Und finden sie es angemessen, daß dort, wo die von vielen Sorgen heimgesuchte Judenseele sich still und tief besinnen will, die Wände mit erborgtem, verlogenem Prunk lärmen wie ein Plakat? Was ist an solcher Kunst noch feierlich, wras jüdisch? Und doch hält die erdrückende Mehrheit des Volkes, nicht nur in sakralen Dingen, an diesem bodenlosen Standpunkt fest. Vor dreißig Jahren hätte man sich darüber nicht allzusehr verwundern dürfen. Denn damals lag das nationale Selbstbewußtsein noch im Schlaf und wir hatten keine vollgültige zeitgemäße Baukunst. Aber heute? Seit einem Menschenalter ist jene Bewegung im Gang, die, mit dem Blick auf unsere alte Heimstatt im Osten, die Entmündigung unseres Volkes zum Ziele hat. Sie ist der bildenden Kunst alles schuldig geblieben. In den übrigen Angelegenheiten des Geistes modernistisch bis revolutionär, verhält sie sich gegenüber den Künsten entweder konservativ oder geradezu reaktionär. Man darf ihre gelegentlichen Enthusiasmen für echte, blutvolle Künstler, sofern sie auch offene Bekenner