Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 516 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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516 MENORAH nichts. Nur Iljitschka spricht ausführlich. Er hat schon alles zu Ende gedacht, was mir bis jetzt kaum eingefallen war: ,,Die Welt kehrt jetzt zurück dorthin, wo wir waren. Es kommt schon die Zeit, die gebeugten Hauptes steht, sich an die Brust schlägt, schwärmt und betet. Wir aber nicht. Damals, als sie gearbeitet haben, kehrten wir uns nach innen, bauten auf Gott in unserem Herzen. Jetzt arbeiten wir. Was wir tun, steht immer in Widerspruch zu den anderen. Jemand muß das Licht halten, während ringsherum Dunkel ist." Was Iljitschka sagt, regt zum Denken an. Ich denke oft darüber nach, während ich mein Feld rette, trockne und ordne. Auch Ezekiel gibt mir zu denken, seine gewaltsame Auflehnung ist mir nicht fremd, in mir aber flammt sie nur auf, dann erlischt sie in der Ungewißheit. Er will um jeden Preis den Kampf gegen Abu Abdullah. „Sobald wir einander gegenüberstehen, werden wir abrechnen." Mir scheint, er ringt in seinem Herzen auch viel mit Ibn al Farid und möchte mit ihm abrechnen, ist doch der Kampf von Angesicht zu Angesicht ein bloßes Kinderspiel daneben, was wir schon bis heute durchgekämpft haben . . . Trotzdem wäre es mir lieber, Frieden zu schließen und nicht abzurechnen. Obwohl es in mir nach und nach zur Gewißheit wird, daß die Araber es waren, die die Schleuse zertrümmert haben... so manch andere Einzelheit meiner Vision erhob sich ja inzwischen zur peinvollen Wirklichkeit. Hie und da, wenn ich auf meinem Felde arbeite, packt mich ein wohltuendes Vorgefühl. Der Reis ist noch mit Wasser überschwemmt, aber aus dem Wasser hebt er den Kopf stellenweise dem Riedgras gleich in strotzenden Ähren. Auf dem Fleck, den ich ausgetrocknet habe, verkümmert der Reis, dort hat sich nur die Gerste erholt. Jetzt sollte er kommen, der Abu Abdullah! Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß dies mein heutiges Leben mir die Verkörperung des alten Traumlebens ist. Flinke Hufe stampfen hinter meinem Rücken und Abu Abdullah steht vor mir. Er hat zwei Esel mit, auf einem sitzt er, den anderen führt er gesattelt mit sich. „Salem, Bruder!" sagt er und seine Stimme ist versöhnlich. „Schalom," erwiedere ich seinen Gruß in meiner Sprache. Er ist sehr ernst. Er steigt von seinem Esel und spricht: „Ich höre, ihr habt einen unter euch, der sich auf die Krankheiten versteht." — „Einen Arzt?" — „Ja, einen Arzt." — „Iljitschka. Er wohnt dort, nordwärts." — „Der mit dem schmalen Gesicht?" — „Derselbe. Jetzt findest du ihn draußen auf dem Feld. Er erntet."