Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 514 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912862-2918160--03713-2918265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
514 MENORAH „Du bist stark," sagt er, „du hast Lust zur Arbeit. Du hast jemanden, für den du arbeitest. Wozu aber arbeite ich?" „Hast du denn die Erde nicht lieb?'* „Die Erde ja, aber das Meer ist auch schön." „Mich wundert deine Rede: Das Meer?" „Ja, das Meer. Ich habe viel im Hafen gearbeitet, nun möchte ich zurück." „In den Hafen?" „Nein. Aufs Meer. Dort ist man nicht so allein." Und während ich schweige, fährt er fort: „Ich war oft zu Schiffe, da trug ich Lasten. . . schön ist so ein Seeschiff. Wenn die Brüder einmal ein Schiff erbauen wollten, ich ginge als Matrose. Das wäre ein schönes Leben." Er richtet sein grünliches Auge in die Ferne und schweigt. Plötzlich rafft er sich auf und schwingt den Spaten. „Was würdest du dazu sagen, Jischaj, wenn ich jetzt das Feld der Mädchen in Ordnung bringen wollte?" „Es wäre gut. Aber frage bei ihnen zuerst an." „Nein. Sie lachen, so oft ich zu ihnen spreche." Sein rotes Gesicht ist flammendrot, wie er das sagt. „Sie lachen mich aus." „Das denkst du dir nur." „Nein, nein! Isa ist so spöttisch. Und Dinjaschka, Dinjaschka .. . ai! . .. Also justament!" Er nimmt seinen Spaten und beugt sich übers Feld der Amazonen. Dabei senkt er die Augen wie ein Dieb, denn er traut sich nicht, nach ihrer Siedlung zu schauen . .. Großväterchen tritt heraus und bringt Oliven, Brot und Chinin. Seine Stimme zittert: „Geht es dir besser, Jischaj?" „Danke, Großväterchen, ganz gut." „Höchste Zeit, daß es dir gut geht. Das Dahinsiechen ist nicht für junge Leute." Großväterchen macht mir Sorgen. Er kommt und geht, macht sich zu schaffen, strengt sich an, um helfen zu können, aber man sieht ihm an, daß er immer bleicher und blässer wird. An jenem Nachmittag, als ich mein fiebergerötetes Auge aufschlug und ihn erblickte, flößte mir seine Blässe Furcht ein. Ich wußte sofort, daß er krank war. Ich lag und er saß neben mir, aber es war, als läge er und ich säße neben ihm. Während der Nachmittagsstunden kann er sich nicht einmal hinlegen; denn seine Matte ist verfault und er sitzt auf dem armlosen Stuhl und