Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Festtage
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 510 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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510 MENORAH brochen, hatten die frommen Beter überfallen und gemordet, und der Tod, bald auf die Schlächter, bald auf ihre Opfer blickend, hatte grinsend gehöhnt: Kinder der Freiheit!" Mir war dieser Ruf nur das Stichwort, daß ich als Jüngster aufstehen und lesend und übersetzend fragen mußte: „Was zeichnet diese Nacht aus vor allen anderen Nächten?" Was die Hagadah darauf antwortet, sind nur unbedeutende äußerliche Dinge, und schon als Kind hatte ich das lebhafte Gefühl, da fehlt noch etwas. Von dem, was diese Nacht wirklich auszeichnet: von dem heiligen Schauer der Geschichte, der sie durchweht, von der Macht der Poesie, die Vergangenheit vergegenwärtigt, sagt die Antwort nichts. Dann folgen in kunstloser Aneinanderreihung Stellen aus der Bibel, die sich auf den Auszug beziehen, spitzfindige Deutungen dieser Stellen aus dem Talmud, ergreifende Psalmen, trockene Erzählungen von Wundertaten, bis ganz zum Schluß, nachdem das Festmahl in gar anmutender Weise die Vorlesung unterbrochen, die wundersame Erzählung von dem Lämmchen kommt. Wie manchesmal habe ich mit zitternder Hand des Vaters alte Hagadah durchblättert, habe mich an den schlechten Reimen ergötzt und die noch schlechteren Holzschnitte mit seligen Augen betrachtet. Noch sehe ich sie vor mir: wie Moses aus dem Wasser gezogen wird, ein ganz, ganz kleines Kindchen, wie er todesmutig vor Pharao steht, indes die Schlangen vergnügt am Boden umhertanzen, und wie die Ägypter samt und sonders in dem tiefen Wasser ertrunken sind; es muß sehr tief gewesen sein, denn nur ein Pferdekopf guckte daraus hervor. Auch den Tempel mit den vielen Mauern, aus denen ich nie klug werden konnte, sehe ich noch und die vier Charakterköpfe: den Weisen, den Bösewicht, den Einfältigen und das unschuldige Kind. Vor allem imponierte mir der Bösewicht, der Heuchler, der zwar ein ganz engelfrommes Gesicht hatte, aber mit verruchter Hinterlist das linke Bein gegen den Weisen hob. Doch mehr noch als die Bilder fesselte mich stets die Schlußgeschichte von dem Lämmlein, „das sich einst kaufte der Vater mein, um zwei Suse, ein Lämmlein, ein Lämmlein." Und dann kam die Katze und fraß das Lämmlein, und da kam der Hund und zerriß die Katze, und da kam der Stock und erschlug den Hund, und da kam das Feuer und verbrannte den Stock, und da kam das Wasser und verlöschte das Feuer, und da kam der Ochse und trank das Wasser aus, und da kam der Schlächter und schlachtete den Ochsen, und da kam der Todesengel und tötete den Schlächter,